Das Verbindende der Kulturen

SEKTION:

Wechselbeziehungen zwischen der jüdischen, der slawischen und der deutschen Kultur

Renate Heuer (Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main)
Salomon Maimons Lebensgeschichte und ihre Rezeption von 1792 bis 1984. Eine versäumte Gelegenheit der Kulturvermittlung

Schon der erste Herausgeber der Lebensbeschreibung, Karl Philipp Moritz,setzt ihrer unbefangenen Aufnahme durch die Leser eine enge Grenze, wenn er sie als "unparteiische und vorurteilsfreie Darstellung des Judentums" preist und als "erste in ihrer Art" kennzeichnet, aber das Diktum anfügt, dass sie "vorzügliche Aufmerksamkeit verdiene besonders zu den jetzigen Zeiten, wo die Bildung und Aufklärung der jüdischen Nation ein eigener Gegenstand des Nachdenkens geworden ist." Der Tenor dieser Äußerung läßt sich in manchen anderen der Zeit um 1790 wiederfinden, ob es um die Juden im allgemeinen oder einzelne jüdische Autoren wie Falkensohn oder Kuh handelt, eine prinzipielle Abwertung alles Jüdischen geht mit einer herablassenden Milde zusammen: endlich muss man sich um Bildung und Aufklärung der allzu schlecht behandelten jüdischen Nation sorgen, das schuldet man der eigenen Aufgeklärtheit.

1792 war Maimon im gelehrten Berlin kein Unbekannter mehr. Seit 1789 publizierte er in verschiedenen Berliner Monatsschriften, hatte jüdische und nichtjüdische Freunde, und Moritz hatte ihn 1791 zum Koredaktor seines "Magazin für Erfahrungsseelenkunde" gemacht. Er wußte, dass Maimon Bildung und Aufklärung gesucht hatte, seit er aus Polen aufgebrochen war, um das "Licht der Vernunft" zu erblicken. Als er Maimon nun aufforderte, für das Magazin zwei Genderinnerungen aus der Welt des polnischen Judentums zu verfassen, die über Erwarten vielen Beifall fanden, fühlte dieser sich veranlasst, seine Lebensgeschichte ganz zu liefern. Aber es ging ihm doch nicht nur um den exotischen Reiz der Welt, aus der er kam, sondern um eine Gesamtsicht auf sein Leben und das jüdische Leben überhaupt. Das, was Maimon über die jüdische Religion und über das orthodoxe Judentum wirklich zu sagen wusste, kam mit der ersten Auflage seines Buches, aber auch mit allen folgenden nicht zur Wirkung. Man hielt sich an die düstere Exotik seines Herkunftslandes, an Aberglauben, Finsternis und Kritik.

Umso interessanter könnte es sein, aus heutigem Abstand zu analysieren, wie die Lebensgeschichte aufgebaut ist, was sie vermittelt und welche philosophische Botschaft sie enthält.

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