Das Verbindende der Kulturen

SEKTION:

Sozialverträgliche Wissenschaftskulturen

Erich Grießler, Beate Littig (Institut für Höhere Studien, Abteilung Soziologie, Wien)
Partizipative Experimente in institutioneller Leere: neosokratische Dialoge zu ethischen Fragen der Xenotransplantation

Xenotransplantation (XTP) bezeichnet die Transplantation von nicht-menschlichen Zellen, Gewebe und Organen in den Menschen. Diese, Therapieform, an der derzeit international gearbeitet wird, beruht zum einen auf Entwicklungen der Genforschung, die die Herstellung von genetisch modifizierten Tierorganen ermöglicht haben, die für das menschliche Immunsystem verträglicher sind, zum anderen auf Entwicklungen der Immunologie, die Verbesserungen bei der Kontrolle des menschlichen Abwehrmechanismus gebracht haben.

Wie viele wissenschaftliche Entwicklungen sind mit XTP Chancen, aber auch Risiken und ethische Probleme verbunden. Obwohl XTP dazu beitragen könnte, den Mangel an implantierbaren Organen zu reduzieren und damit das Leben vieler, auf Organtransplantationen wartende PatientInnen zu retten, besteht das derzeit unbekannte Risiko, dass Viren, die in Tieren Krankheiten verursachen, die Speziesgrenze überwinden und sich in PatientInnen und möglicherweise der Bevölkerung ausbreiten.

Die Probleme der XTP wurden bislang vor allem aus der Perspektive der Sicherheit erörtert. Daneben werden aber auch ethische Probleme der XTP diskutiert, wie z. B.: Ist es aus religiöser oder ethischer Überzeugung (z.B. aus Sicht der Tierethik) vertretbar, Tiere als Organ-, Zell- und Gewebe-"Lieferanten" für Menschen zu nutzen? Bedeutet eine solche Intervention das Überschreiten der Speziesgrenzen? Was bedeutet eine solche Behandlung für die Identität des Patienten/ der Patientin? Welche Tiere dürfen dafür genutzt werden (Primaten oder andere Säugetiere)? Ist es vertretbar, das Leben einer Person zu retten und gleichzeitig die Gesundheit von behandelndem Personal, aber auch von Angehörigen und im äußersten Fall der gesamten Bevölkerung einem unbekannten Infektionsrisiko auszusetzen? Ist es akzeptabel, individuelle Freiheiten von PatientInnen und Angehörigen etwa durch Quarantäne einzuschränken, um das Infektionsrisiko einzuschränken?

Ethische Probleme aus Wissenschaft und Technik sind eine Herausforderung für politische Entscheidungsmechanismen, denn: wie können sie sachgerecht und legitim entschieden werden? Sind die anerkannten demokratischen Institutionen und Entscheidungsprozesse solchen Problemlagen angemessen und ist es ausreichend nur "ExpertInnen" in die Entscheidungen einzubinden? Oder brauchen wir eine breitere Debatte, die auch andere Akteure der Zivilgesellschaft einbindet? Wenn aber eine breitere Diskussion notwendig ist, welche Entscheidungsfindungsprozesse können wir dazu verwenden?

Ausgehend von den Defiziten bisheriger Technikfolgenabschätzungen zu XTP, d.s. Konzentration auf Sicherheitsfragen und ExpertInnen, war es das Ziel des Projektes, ethische Fragen der XTP aufzugreifen und in einem breiteren Stakeholder-Ansatz mit den betroffenen Akteuren zu diskutieren. Dazu erschien der neosokratische Dialog geeignet, der seit vielen Jahren international als Methode verwendet wird, ethische Probleme in universitärer Lehre, Erwachsenenbildung und Unternehmensberatung zu diskutieren. Projektziel war es, diese Methode ins Feld der partizipativen Technikfolgenabschätzung zu transferieren und die Ergebnisse dieses Transfers zu evaluieren. Der Vortrag präsentiert die Ergebnisse des Forschungsprojektes, das in Österreich, Deutschland und Spanien durchgeführt wurde.

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