Trans Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften 12. Nr. Januar 2002

Reisen aus der Distanz

Birgit Weiss (Wien)

 

Einleitung

Vor kurzem reiste Dennis Tito, der erste Weltraumtourist, ins Weltall. Man muss allerdings kein Milliardär sein, um in der Imagination zu reisen. Im Gegenteil: viele Menschen kommen ihr Leben lang nur an einen Bruchteil der Orte, die sie in Gedanken besucht haben. Virtuelle Reisen sind demzufolge auch ein beliebtes Motiv in der Kunst, insbesondere in der Literatur(1).

Ein junger britischer Tramper, nennen wir ihn Douglas Adams, befindet sich hier Anfang der 70er-Jahre also auf einer Wiese in Innsbruck liegend. Er will dort weg. Das Autostoppen hat allerdings seit Stunden nicht geklappt. Deshalb versucht sich Adams mit seinem letzten Geld durch die Einnahme von nicht näher spezifizierten Substanzen möglichst schnell aus sich selbst heraus außerhalb des Raum-Zeit-Gefüges zu bringen: 'Reisen, ohne sich zu bewegen', ein Unterfangen, das bei der Jugend der Welt 1971 übrigens gerade als extrem populär gilt.(2)

Virtuelles Reisen ist quasi per Definition ein Reisen aus der Distanz. Im Gegensatz dazu könnte man annehmen, dass "wirkliches" Reisen eine Form von Nähe bedeutet. Das physische "Vor-Ort-Sein" ist aber oft nicht gleichbedeutend mit mentaler Auseinandersetzung mit der bereisten Umgebung, wie in der Folge anhand einiger Beispiele illustriert werden soll. Im Zentrum dieses Textes steht das Spannungsverhältnis zwischen Nähe und Distanz beim Reisen. Anhand einiger Beispiele, die das Wechselspiel zwischen physischer Erfahrung und psychischem Erlebnis illustrieren, setzt sich der Text mit Anspruch und Wirklichkeit der unterschiedlichen Reisestrategien auseinander. Die Ambivalenz, die beim Reisen virulent zu Tage tritt, zieht sich gleichsam wie ein roter Faden durch, ohne aufgelöst zu werden. Letztendlich gehört sie jedoch zu den Kraftfeldern des immerwährenden Diskurses über das Reisen.

Für den Tourismus ist räumliche und soziale Distanz zur bereisten Realität eine geradezu konstitutive Komponente, so die These Wolfgang Kos'. Das Reiseerlebnis soll zwar aus dem gewohnten Leben vorübergehend hinausführen, aber nie so weit, dass eine sichere Rückkehr nicht jederzeit garantiert ist.(3) Die Distanz zur Realität be- und durchreister Räume wird, so Kos, mit zunehmender scheinbarer Grenzenlosigkeit des Tourismus immer wichtiger: "Der Tourist will so nahe wie möglich an die Gischt und das Donnern des Wasserfalls heran, aber er soll und will weder nass werden, noch in Gefahr geraten".(4) In diesem Beitrag geht es neben der Auseinandersetzung mit Nähe und Distanz - wobei sich diese Distanz in vielen unterschiedlichen Entfernungsgraden ausdrücken kann - aber auch um Reisen als (Geistes-)Haltung, als Einstellung, als Wert an sich.

 

Reisen als interkulturelle Begegnung (5)

"Reisen", das sei hier ganz allgemein festgehalten, meint zunächst einmal, einen grenzüberschreitenden Ortswechsel vorzunehmen, freiwillig oder unfreiwillig. Es bedeutet auch Veränderung sowie Bewegung im Gegensatz zum Stillstand der an einem Ort Zurückbleibenden.(6)

Reisen verstanden als kulturelle Praxis eröffnet die Möglichkeit, andere Kulturen kennen zu lernen, die eigene Kultur und damit auch die eigene Identität (sowohl fremd- wie auch selbstbestimmter Natur) (besser) zu erforschen und zu transformieren. Es wird leichter möglich, die Perspektive zu wechseln und in die Haut des Anderen, Fremden zu schlüpfen - man ist plötzlich selbst der Fremde. Die Erfahrung der Ferne(7) kann diesen Perspektivwechsel unterstützen. Reisen kann - muss aber nicht zwangsläufig - zu einem Perspektivenwechsel führen. Leed weist darauf hin, dass Reisen zu einer solchen Transformation der Identität beitragen kann:

Die auf Reisen erworbene soziale Existenz macht deutlich, dass es kein Selbst ohne ein 'Anderes' gibt und dass jede Identität im Grunde durch Spiegelung erzeugt wird. Wird dieses Spiegelbild verändert oder verzerrt, so macht auch die Identität eine Verwandlung durch.(8)

Unproblematisch ist dieser Ansatz allerdings nicht(9): Reisen, das zunächst einigen wenigen und in weiterer Folge dem Bildungsbürgertum (in Europa) vorbehalten war(10), hat sich in den letzten Jahrzehnten in Form des "Tourismus" zu einem Massenphänomen entwickelt, das vielfältige Auswirkungen aufweist. Viele Ortswechsel basieren auch auf - zumindest partiell - unfreiwilliger Basis, z. B. Migration. Dazu kommt, dass Reisen, wie es in der euro-amerikanischen Literatur verwendet wird, im Grunde ein rein westliches Konzept sei, das dem historischen Erbe der kapitalistischen Entwicklung und Akkumulation, der imperialistischen Expansion und einer Unzahl von Ungleichheiten nicht entkommen könne(11).

Ein zentrales Motiv des Reisens ist sicherlich die Fremdheitserfahrung, "the working out of inner projects, fears, and myths that require contact with the other"(12). Eine Faszination durch Ferne scheint es in Europa schon frühzeitig gegeben zu haben. Ihre Attraktivität sah man in der potentiellen Vergleichsmöglichkeit mit dem kulturell Anderen. Europa war von jeher Meister in der Spekulation über das Fremde, dadurch auch Meister in der Herausarbeitung der eigenen Identität. Fremdheit ist aber keine Eigenschaft, die ein Gegenstand für den Betrachter hat, sondern "ein Verhältnis, in dem der Betrachter zu dem Gegenstand seiner Erfahrung und Erkenntnis steht"(13).

 

Reisen aus der Ferne

Viele Urlaube werden unternommen, um raus aus dem Alltag zu kommen, um Spaß zu haben, neue Eindrücke zu bekommen und Abwechslung, Ablenkung von den eigenen Problemen. Die Menschen nehmen Urlaub von der eigenen Lebensroutine. Je nach dem Grad, wie sehr sie abenteuerlustig sind, wählen sie ihr Ziel, sei das nun ein Erlebnisurlaub in den Bergen Österreichs (oder Neuseelands) mit Bungeejumping, Wildwasserpaddeln und Extremklettern oder ein Badeurlaub in einer Hotelanlage am Mittelmeer. Sie wollen in ihrem Urlaub Träume verwirklichen; mithilfe ihrer Imagination konstruieren sich die Urlauber eine eigene Wirklichkeit und erleben dadurch liminale Phasen (nach Turner), in denen die gewöhnlichen Normen vorübergehend aufgehoben sind.

Der Aufenthalt auf fremdem Territorium wird als gefährlich erlebt, weswegen man zu des eigene Selbst stabilisierenden Maßnahmen greift. Dazu wäre zu rechnen etwa das Sicheingliedern in eine Gruppe, die Reisegruppe, die Sicherheit verleiht, oder ein aufdringliches Benehmen, lauter und lärmender als üblich (ähnlich dem eines Halbstarken, der seine Unsicherheit mit einer provozierenden Show angeblicher Kraft überspielt), und auch das Fotografieren bzw. das Sich-fotografieren-Lassen.(14)

In diesem Sinne dient auch die Photographie auf Reisen "zur magischen Stärkung des eigenen Selbst in einer gefährlichen Situation".(15)

Die Erfahrung der fremden Welt steht bei modernen Reisen nicht mehr unbedingt im Vordergrund. Die Fremde geht mehr oder minder stark in die touristische Erfahrung ein, immer aber wird die Wirklichkeit des fremden Landes umgearbeitet und an die eigenen Bedürfnisse angepasst. Tourismusmanager haben dies schon länger erkannt und den Menschen das Erleben fiktiver Räume möglich gemacht; die besten Beispiele dafür sind vermutlich der Club Med und Disneyland.

Ausflüge in die "Lebenswelt" der Einheimischen, die zumeist nichts anderes als touristische Folklore sind, als Theaterstück/Musical/Operette zur Schau gestellt, mit willigem Publikum, das eifrig im Takt mitwippt und klatscht, gibt es in vielen Touristenzentren auf der ganzen Welt. Am ausgeprägtesten findet man sie auf Kreuzfahrten, daher soll dieser Reiseform nun ein wenig genauere Aufmerksamkeit geschenkt werden.

 

Der letzte Luxus: Kreuzfahrten

Kreuzfahrten sind nach dem vorläufigen Ende der Concorde die letzten Luxusreisen für Massenpublikum geworden. Viele Romane, alte Hollywoodfilme - oder auch neue wie z.B. Titanic -, aber auch TV-Serien haben zur Verklärung, zu einem romantischen Bild über Schiffsreisen beigetragen.(16) Kreuzfahrtpassagiere möchten wie Kate Winslow und ihre früheren Vorbilder Meerluft schnuppern.

I wanted to be Deborah Kerr in An Affair to Remember, only without the bad hairdo and unfortunate accident. I wanted to go back to a time of glamour, luxury and witty conversation over champagne cocktails.(17)

Bei Kreuzfahrten geht es den Reisenden zumeist um das Erlebnis des Transportmittels, nicht einmal so sehr um das Unterwegssein an sich, obwohl auch das Reisen auf dem Meer einen besonderen Reiz ausmacht. Es gibt meist mehrere geographische Ziele, die auf so einer Kreuzfahrt angesteuert werden, aber manchmal ist ein Schaumbad in der Luxuskabine interessanter als der Landgang.

"On the first night, deciding that a bubble bath was a more enticing prospect than visiting Valletta's dust port, I slipped into the tub - jewellers Bulgari supply all the ship's toiletries, and they smell like a visit to a spa - and cracked open one of my complimentary bottles of Moët".(18)

Das Publikum und der erwartete Luxus auf dem Schiff, das Programm inklusive Capitan's Dinner sind das eigentliche Ziel der Reise. Fernsehserien wie das "Traumschiff" oder "Love Boat" verklären diese Form der Reise und schaffen damit ein Idealbild, wie eine Kreuzfahrt ablaufen sollte.

Die Landschaft zieht wie auf einer Phototapete vorbei, man winkt den einheimischen Kindern von der Reling aus zu und ist ansonsten unter sich: in einer weißen, gehobeneren Mittelschicht zumeist älteren Semesters, auch wenn sich das Publikum mittlerweile zu ändern scheint und Kreuzfahrten für "alle" angepriesen werden.

Die gelegentlichen Landausflüge (zumeist begibt man sich auf eine geführte Tour) lassen die Kreuzfahrt-Passagiere Landluft schnuppern und geben ihnen die Gelegenheit zum Kauf von Souvenirs. Für viele AusflüglerInnen ist das Erlebnis der Land-Touren zumeist vergleichbar mit einem Besuch im Zoo oder hinter den Kulissen eines Theaters. Das Lokale ähnelt den Pappfiguren, die statt eines Kopfes ein Loch haben, durch das man - für das Erinnerungsphoto, versteht sich! - seinen eigenen Kopf stecken kann, um vor der Kamera als Cowboy oder Mexikanerin zu erscheinen. Man ist also für kurze Zeit Teil dieser Phototapete, ohne wirklich in Kontakt, in Berührung mit dem Land zu sein oder sich gar auf die Menschen einzulassen, denn schon geht es zurück auf's Schiff, das Abendprogramm und vor allem zuerst das opulente Buffett warten.

 

Reisen im Schneckenhaus: Airstream Travelers

Kürzlich ist ein Bildband über die ersten amerikanischen Trailer, den Airstream erschienen(19). Die darin abgebildeten Erlebnisse und Routen symbolisieren diese Ambivalenz des Reisens zwischen Nähe und Distanz: einerseits fuhr man von Ort zu Ort, war ständig unterwegs, war mobil, kam durch das seltsame Gefährt in Kontakt mit den Leuten. Andererseits nahm man aber auch sein Heim, sein Motorhome, wie ein Schneckenhaus mit auf die Reise. Man war zu Hause und doch nicht daheim, eine Art modernes Nomadentum, aber nicht zu verwechseln mit den amerikanischen PionierInnen auf ihren Pferdewägen, deren Ziel ja das Niederlassen an einem fremden Ort war.

Sleek and shiny, Airstream trailers have been turning heads on the highways since they first started caravanning across America in the 1930s. These "aluminum skinned, gleaming silver bullets" are currently enjoying a revival in popularity. [...] From the Eiffel Tower to the pyramids of Giza, from the Acropolis to the Golden Gate Bridge, Airstream caravans continue to travel to the far reaches of the earth. [...] Airstream has always been synonymous with the freedom of the open road. Today the dream lives on.(20)

Camping - ob klassisch mit Zelt oder "modern" mit Campingwagen bzw. Motorhome - suggerierte lange Zeit eine Form von Freiheit beim Reisen ("sich niederlassen, wo es einem gefällt"), die längst nicht mehr gegeben ist. Mittlerweile ist campen nur mehr an designierten Orten erlaubt, meist nur mehr auf Campingplätzen (die auch nur mehr selten etwas von wildromantischer Qualität haben), die sich als Kolonien von Containern mit vereinzelten Zelten daneben präsentieren, eine eigene Welt, einen eigenen Mikrokosmos darstellen. Im Vordergrund steht beim Camping aber zumeist mehr die Unterkunft und weniger der Ort - von Nähe kaum eine Spur.

 

Distanzhalter

Der Photoapparat als Distanzhalter

Das photographierende Auge hat zwischen sich und der Wirklichkeit ein Objekt: die Linse. Während dieser Umstand einerseits seit der Erfindung des Photoapparates bemängelt wurde (das Ideal: eine Kamera, die hinter dem Auge eingepflanzt wird - im Science Fiction-Genre bereits öfters realisiert), bietet die Kamera auch Schutz und eine Abgrenzungsmöglichkeit zum Gesehenen (KriegsphotographInnen haben dies unter anderem zur Sprache gebracht): der Mensch hinter dem Apparat dokumentiert ja "nur", hält den Augenblick fest. Dem menschlichen Körper sind jedoch Grenzen gesetzt: man kann nicht in so kurzer Zeit so viele neue Eindrücke aufnehmen, ohne sie durcheinander zubringen, das heißt, man weiß vielleicht nach dem Entwickeln des Filmes gar nicht mehr, wo das Photo aufgenommen wurde, aber die Bilder werden helfen, die besuchten Orte wieder ins Gedächtnis zu rufen. "Man muß nicht mehr hinsehen. Der Apparat sieht für Sie."(21)

Dennoch versuchen sich - zumindest die Hobbyphotographinnen - im Abbilden der erlebten Wirklichkeit. "Fotografiert wird der herausgehobene Ort - oder besser: man fotografiert sich und die Seinen als Verweilende am herausgehobenen Ort".(22) Das gipfelt bei manchen gar in der Ausformung eines Postkarten-Blicks: die bereiste Welt reduziert sich auf ihre Motivtauglichkeit und wird ansonsten kaum wahrgenommen (schließlich muss man sich ja beeilen, um den Anschluss an die Gruppe nicht zu verlieren ...).

Der Gelegenheitsknipser fotografiert nicht in erster Linie das fremde Land - wo dies geschieht, wir bereits eine andere Stufe des Fotografierens erreicht -, sondern er fotografiert sich selbst und die Seinen, wie er und sie sich im fremden Land aufhalten. Dazu postiert man sich vor einem natur- oder Kulturmonument mit möglichst hohem Bekanntheitsgrad.(23)

Dieses Verhalten haben insbesondere japanische TouristInnen kultiviert, indem sie sich gegenseitig vor den gesehenen Sehenswürdigkeiten ablichten, teilweise ohne ebendiese überhaupt betrachtet, geschweige denn besucht zu haben - die "Würdigkeit" entnehmen die PhotojägerInnen dem jeweiligen Reiseführer(24).

Photos haben andererseits einen besonderen Reiz, seit sie zur Untermalung von Reiseerzählungen eingesetzt werden - nicht dass es nicht auch in früheren Zeiten Versuche gegeben hat, Reiseberichte möglichst blumig zu verfassen, oder MalerInnen mit auf die Reise geschickt hat. Manche Menschen haben vermutlich genau durch diese Erfahrung ihr kreatives Talent entdeckt, zum Malen, zum Schreiben, vielleicht auch zum Photographieren (und später zum Videofilmen).

Postkarten von anderen Reisenden (in letzter Zeit öfters auch hauptsächlich die selbst gekauften) werden noch immer gesammelt, Aufkleber von Hotels finden NostalgikerInnen auf alten Koffern am Flohmarkt (oder als Sujets auf jüngeren Artikeln). Einige Zeit waren auch Leporellos sehr gefragt, oder die kleinen Fernseher mit Heimatmotiven. All das sind oder waren begehrte Souvenirs, vor allem ob ihres Vermögens, Reiselust und Fernweh zu wecken.

Zu diesen "Appetizern" zählen freilich auch die berüchtigten Diaabende, Filmvorführungen, Reisekataloge der Tourismusveranstalter, Reisevideos, die vermeintlich den Reiseführer ersetzen, und in jüngerer Zeit das WorldWideWeb.

 

Kein Tourist ohne Geländer!

Wie zu Beginn erwähnt, sind die angesprochenen Kreuzfahrten freilich nicht die einzigen Reisen aus der Distanz, sie illustrieren dieses Phänomen jedoch vermutlich am besten. Das liegt nicht zuletzt an der Anatomie der Schiffe, die in ihrem Inneren einen Mikrokosmos vorzutäuschen versuchen, mit eindeutigen Grenzen gegenüber dem Außen. Die Reling ist Sinnbild für das distanzierende Element zwischen den Menschen am Schiff auf der einen Seite und den Menschen am Land auf der anderen Seite, beispielsweise beim Einlaufen in einen Hafen. Wolfgang Kos illustriert dieses Phänomen der Distanz anhand der Brüstung, die es bei vielen Touristenattraktionen gibt, z. B. in Taormina mit Blick auf den Ätna; auch hier reflektiert sie die Distanz zwischen den BetrachterInnen und dem Betrachteten.

Zwischen lustwandelndem Zuschauer und Meer bzw. Ätna befindet sich eine Art Orchestergraben, ein ungreifbarer Abstand. Wichtigstes Utensil solcher Landschafts-Inszenierungen: Die Brüstung. Sie dient auch der Sicherheit, es ist ja steil, vor allem aber der Erlebnissteigerung: Aneignung durch Distanzgewinn.(25)

Diese architektonische Typologie findet sich auch bei Aussichtswarten, Zimmer mit Balkon (Meer- oder Bergseite, jedenfalls immer teurer), Hotel- oder Caféterrassen mit bequemem Überblick oder Luxushotels inmitten tropischer Wälder. Die Brüstung, der Abstandhalter, versinnbildlicht die Unmöglichkeit, mit der Landschaft zu verschmelzen, eins zu werden, überhaupt in Kontakt zu kommen. TouristInnen werden dadurch in ihrer passiven Rolle bestärkt, vielfach weil ihre aktive Rolle von den Natives gar nicht geschätzt wird. Eine Ursache hierfür findet sich im Zerstörungspotential des Tourismus, evident durch die vielen Schäden äußerlicher und innerlicher Natur, die TouristInnen, aber auch wohlmeinende Reisende im Laufe der Jahrhunderte immer wieder angerichtet haben(26). Die - vermeintlichen? - Verursacher dieser Schäden in Reservate abzuschieben, wo sie sich ungestört austoben können, ohne größeren Schaden anzurichten (u. a. Ballermann, andererseits auch Cluburlaube), macht aus dieser Perspektive durchaus Sinn.

 

Die Lust auf Nähe: "Anders" Reisen

Christoph Hennig beginnt seinen Reader über "Reiselust: Touristen, Tourismus und Urlaubskultur" mit einer "Touristenbeschimpfung", die sich allerdings als eine kritische Auseinandersetzung mit einer bestimmten Haltung TouristInnen gegenüber entpuppt: "Alle reisen, doch niemand möchte Tourist sein"(27). Wir sind ständig auf der Suche nach dem wahren, authentischen Reisen, grenzen uns gegenüber "Neckermann-Urlaubern" ab - und haben unser Ticket ebenfalls über TUI und die Restplatzbörse bezogen.

Wenn man all die Kritik am Reisen und den Menschen, die sich auf Reisen begeben, in Betracht zieht: gibt es dann eigentlich noch "moralisch gerechtfertigtes" Reisen? Hennig geht mit der Touristenschelte kritisch ins Gericht und sieht ihre Wurzeln im symbolischen Kampf um soziale Überlegenheit: Der Mitreisende wird als störend empfunden; er raubt dem Reisenden die Einzigartigkeit seiner Erfahrung. Der zweite Tourist ist der Feind des ersten, denn sein Auftauchen banalisiert die Welt - er bringt die Traumvorstellung der TouristInnen von einer Welt ohne TouristInnen auf den Boden der Tatsachen zurück(28).

Seit dem frühen 19. Jahrhundert stellen wir in der europäischen Kulturgeschichte den dummen Touristen die wahren Reisenden gegenüber: Sie sehen sich als Angehörige einer Minderheit, die die alte Kunst des aufmerksamen Unterwegsseins beherrscht. Die wahren Reisenden "bewegen sich - ihrem Selbstverständnis zufolge - abseits der ausgetretenen Pfade, suchen Authentizität und Stille, Abstand vom Zweckdenken der Alltagswelt, historisch und kulturell 'gesättigte' Plätze und die ästhetische Vision des Pittoresken"(29).

Wie könnte nun demzufolge eine "korrekte" Auslandserfahrung aussehen? Muss man "die Sprache lernen und mindestens 5 Jahre in diesem Land gelebt" haben? Das ist oft durch ökonomische Umstände nicht möglich. Oder heißt das, ich muss zur Baumwollpflückerin oder Helferin bei der Reisernte werden? Wohl kaum, denn solche "Arbeitsurlaube" unterscheiden sich im Endeffekt nicht wesentlich von den bereits angesprochenen Erlebnisreisen oder Abenteuerurlauben: nach ein paar Wochen, in denen man eine andere Identität gespielt hat, schlüpft man wieder in seine eigene Rolle im Leben zurück. Allerdings: man kann schon davon ausgehen, dass ein solches Abenteuer zum Nachdenken anregen wird.

Welche anderen Strategien gibt es nun, nicht Tourist zu sein? Hennig(30) führt hierzu einige interessante Punkte an: die Nähe zu Land und Leuten, die vielbeschworene "Sensibilität" dem Gastland und seinen BewohnerInnen gegenüber, das Streben nach Authentizität, der Versuch der Vermeidung des Massentourismus und der Wunsch, "neue" Gegenden zu entdecken. Die Befolgung einiger der angeführten Strategien geht so weit, dass sich der wahre Reisende manchmal dem Bewohner des Landes überlegen fühlt. "In einem seiner Bücher fragte der Poet Altenberg, wem eigentlich die Landschaft gehöre, 'dem Hiasl, der sie bewirtschaftet', oder 'dem Wanderer, der sie empfindet'"(31).

 

Armchair Travelers

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Als Kontrast, aber auch zur Ergänzung zum bislang vorrangig physisch verstandenen Reisen sei nun einer besonderen Spezies von Reisenden gedacht, den sogenannten Armchair Travelers, also Reisende, die im Idealfall beim Reisen ihren bequemen Ohrensessel nicht verlassen. Das World Wide Web hat zur Verbreitung eines neuen Typus des Armchair Travelers beigetragen: dem Cyber-Touristen, der in einer Nacht um den Erdball reist, und dabei aus der Fülle des bereits im Internet befindlichen Datenmaterials über die virtuell bereisten Länder schöpfen kann. Via Newsgroups und Mailinglisten-Teilnahme lässt sich hierbei teilweise vielleicht sogar mehr (oder vermeintlich mehr) Nähe zu den Menschen fremder Länder herstellen, als direkt vor Ort bei einem kurzen Stopover möglich ist.

Ein Stück weit beginnt und endet freilich jede Reise zu Hause, an dem Ort, an dem man lebt und sich Reiseliteratur besorgt, vielleicht Diavorträge besucht, Homevideos über ferne Länder ausborgt oder Bildbände studiert. Am Ende der Reise klebt man dort Photoalben und weist sonstigen Erinnerungsstücken ihren Platz in der Wohnumgebung zu. Armchair Traveling geht jedoch über die Reisevor- und -nachbereitung insofern weit hinaus, als diesen Reisenden das physische Element der räumlichen Veränderung dazwischen fehlt. Sie reisen hauptsächlich in ihrer Imagination, holen sich ihre Anregungen und Informationen jedoch bei den Fremden (oder bereits in die Fremde gereisten) vor Ort.

Ein bisschen entspricht dies vielleicht der Haltung Immanuel Kants, der sein Leben lang den Umkreis seiner Heimatstadt Königsberg nie verlassen hat, und dennoch vielfach Grenzen des Geistes überschritten hat. Zwischen Kant und Georg Forster, der als sehr junger Mensch die Chance hatte, eine der Cook'schen Weltreisen mitzumachen, entspann sich ein Briefwechsel, der eine sehr interessante Auseinandersetzung zwischen dem "Armchair Traveler" Kant und dem "Globetrotter" Forster darstellt.

Nach seiner Rückkehr kritisiert Forster Kants Schriften über die Einteilung der Menschen in Rassen mit dem Argument, das alles sei überhaupt nicht vereinbar mit dem, was er beobachtet habe. Kant antwortet ihm darauf ein bisschen satirisch und auch ein bisschen unter der Gürtellinie. Er sagt: 'Das mag wohl sein, junger Mann, dass sie das nicht haben finden können. Das liegt aber daran, dass der Begriff Rasse natürlich auch in der Natur gar nicht vorkommt, aber er kommt im menschlichen Verstand vor. Er ist eine Kategorie des Verstandes, und wenn man ohne Verstandeskategorien in die Welt hinausfährt, dann ist es kein Wunder, wenn man dort nichts finden kann.(32)

Das erinnert an den alten Spruch: Reisen beginnt im Kopf, allerdings wirft diese Konfrontation, bei der keiner der beiden Herren letztendlich "recht" haben kann, da beide Positionen dem Erkenntnisgewinn dienen (Kant hatte ja schließlich auch seine Informationen über die Welt außerhalb Königsbergs von "Augenzeugen" erzählt bekommen), die Frage auf, wie denn der "Goldene Weg", also der richtige Mittelweg zwischen Königsberg und dem Pazifik aussehen müsste. Im Grunde bedeutet die Auseinandersetzung nämlich die extreme Polarisierung zwischen Distanz und Nähe, aus der resultiert, dass es keine Mitte gibt - Reisen ist und bleibt in dieser Hinsicht ambivalent. Jedoch gibt es dazwischen jede Menge Grauzonen, die erfahrbar sind. Fremdheitserfahrungen können beispielsweise ebenso in der eigenen Stadt bei einer Straßenbahnfahrt, einem Besuch eines Marktes oder einem anderen Milieuwechsel gemacht werden. Fremde ist nicht in Kilometern, sondern vor allem über die innere bzw. kulturelle Distanz zu messen. Das heißt freilich, dass das Konzept des Reisens, wie es hier verwendet wird, zwar eine physische und sinnliche Komponente hat, dass es aber gleichzeitig auch möglich ist, die angesprochene Fremdheitserfahrung ohne "Fahrten ins Ausland" zu machen; im Extremfall gar bei einer Reise ins Innere seiner selbst.

Zwischen der theoretischen Beschäftigung mit Reisen, insbesondere der Suche nach der Fremdheitserfahrung, und der Psychoanalyse Freuds gibt es durchaus Parallelen; man kann sogar von einer inneren Verwandtschaft zwischen Psychoanalyse und Ethnologie sprechen. Beide Disziplinen lokalisieren ihren Bereich jenseits unserer eigenen Kultur: die Psychoanalyse im Unbewussten, das Freud einmal das "innere Ausland" nannte, welches uns ebenso unbekannt ist wie die fremden Kulturen, die das traditionelle Thema der Ethnologie bilden. Die Parallele zwischen der Psychoanalyse und der Ethnologie verweist auch auf die Sehnsucht der Reisenden nach dem Überschreiten kultureller Grenzen - zur Erforschung fremder Kulturen und damit zur Erkenntnis der eigenen Kultur (und letztlich der eigenen Identität).

 

Reisen als Haltung

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Reisen, wie es diesem Beitrag von mehreren Seiten beleuchtet wurde, mehr als physische Bewegung von Punkt A nach B ist, gleichzeitig aber auch nicht nur im Kopf, also ohne sinnliche Wahrnehmung stattfindet. Vielmehr drängt sich die Schlussfolgerung auf, Reisen als Haltung zu betrachten. Die Herausforderung der Grenzüberschreitung im physischen und psychischen Sinne stellt einen Wert an sich dar; beim Reisen lässt sich dieser Sehnsucht zumindest teilweise nachgehen, aber freilich bedeutet die Überschreitung von Grenzen auch, dass neue Grenzen gesetzt werden.

Was bedeutet dies nun für Tourismusmanager, die den Reisenden das perfekte Erlebnis bieten wollen? Und was bedeutet es für die Menschen vor Ort? Aus meiner Sicht lässt sich aus den unterschiedlichen Vexierbildern von Nähe und Entfernung, die in diesem Beitrag angesprochen wurden, der Schluss ziehen, dass die perfekte Distanz zwischen Fremden und Nicht-Fremden ("Einheimischen") immer auf's Neue erarbeitet und "erkämpft" werden muss. Weder können die Menschen vor Ort erwarten, dass die Fremden "wissen", wie sie sich ihnen gegenüber "richtig" verhalten sollten - die kulturellen Unterschiede beginnen da schon im nächsten Ort, bzw. zwischen den Generationen und Geschlechtern -, noch werden die Fremden beim Reisen "Authentizität" im Lokalen finden.

Die Welt besuchen, indem man reist, sollte auch heißen, dass man versucht, die durchquerten Welten zu verstehen, die soziale Wirklichkeit vor Ort zu begreifen, wenn nicht gar zu erleben. Es heißt auch, nie zu vergessen, welche Rolle die Geschichte für die Gegenwart und die Zukunft von Gesellschaften spielt. Eine solche - unvermeidlich politische - Art des Reisens festigt nicht nur Überzeugungen. Sie erschließt auch eine neue Wirklichkeit, jedenfalls den Reisenden, die mit dem Herzen zu hören verstehen.(33)

 

© Birgit Weiss (Wien)

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ANMERKUNGEN

(1) Berühmtes Beispiel: Douglas Adams mit seinem "Per Anhalter durch die Galaxis".

(2) Nachruf von Christian Schachinger auf Douglas Adams, in derStandard.at, 14. Mai 2001: http://derstandard.at/dyn/archiv/archarchiv.asp?artfn=\Archiv\20010514\108.HTM&redirect=true
Letzter Zugriff am 2001-09-01.

(3) Kos, Wolfgang (o. J.), "Zur strukturellen Exterritorialität des Tourismus" - Paper für den IFK- Workshop: Tourismus, Nationalismus, Wien, 26./27.5.2000. Unveröff. Manuskript.

(4) Kos, (o. J.).

(5) Vgl. Weiss, Birgit (1999), "Die kulturelle Praxis globaler Beziehungen. 'Reisen' als Überschreitung der Grenzen der Disziplin", in: ÖZP [Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaften ] (28) 3, 301-315.

(6) Das Wort Reise kommt ursprünglich aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet 'Aufbruch; Unternehmen, Zug, Fahrt; Heerfahrt'. Zwischen reisen und dem Wort Erfahrung gibt es einen unmittelbaren Zusammenhang: Einerseits bedeutete das Wort ursprünglich 'reisen: durchfahren, durchziehen; erreichen', wurde aber schon früh im heutigen Sinn gebraucht als 'erforschen, kennenlernen, durchmachen'. Besonders wird das zweite Partizip erfahren seit dem 15. Jahrhundert als Adjektiv für 'klug, bewandert' gebraucht. Dazu gehört Erfahrenheit, während Erfahrung im Sinne von 'Wahrnehmung, Kenntnis' verwendet wird (im Mittelhochdeutschen auch 'Durchwanderung, Erforschung'), vgl. Der Duden 1989, 160; vgl. auch Hlavin-Schulze, Karin (1998), "Man reist ja nicht, um anzukommen". Reisen als kulturelle Praxis, Frankfurt am Main, 13-14

(7) Vgl. Leed, Eric J. (1993), Die Erfahrung der Ferne. Reisen von Gilgamesch bis zum Tourismus unserer Tage, Frankfurt am Main (Campus); Krusche, Dietrich (1994), Reisen: Verabredungen mit der Fremde, München.

(8) Leed (1993), 279.

(9) Dies vor allem dann, wenn man dabei an Sextourismus, Hooligans, eventuell auch Geschäftsreisen denkt.

(10) Vgl. den historischen Überblick in Hlavin-Schulze (1998).

(11) Kaplan, Caren (1996), Questions of Travel. Postmodern Discourses of Displacement, Durham/London, 131.

(12) Inayatullah, Naeem/David L. Blaney (1996). Knowing Encounters: Beyond Parochialism in International Relations Theory, in: Yosef Lapid/Friedrich Kratochwil (Hg.): The Return of Culture and Identity in IR Theory, Boulder, 66.

(13) Krusche (1994), 138.

(14) Spitzing, Günter (1985), Fotopsychologie: Die subjektive Seite des Objektivs, Weinheim und Basel (Beltz), 118.

(15) Spitzing (1985), 118.

(16) Schließlich wurden Schiffe ja andererseits sehr häufig von AuswanderInnen in Anspruch genommen, was allerdings weniger luxuriös war für die Dritte-Klasse-PassagierInnen.

(17) Ellis, Natasha, in: high life [British-Airways], August 2000, 70.

(18) Ellis (2000), 71.

(19) Burkhart, Bryan/David Hunt (2000), Airstream - The History of the Land Yacht, San Francisco (Chronicle Books).

(20) Buchbeschreibung auf http://www.amazon.com/

(21) Freund, Gisèle (1979), Photographie und Gesellschaft, Reinbek bei Hamburg, 218 (kursiv im Original).

(22) Spitzing (1985), 107 (Hervorhebung im Original)

(23) Spitzing (1985), 110.

(24) Vgl. Koshars Arbeiten zu Baedeker und anderen Reiseführern: Koshar, Rudy (2000), German Travel Cultures, Oxford, New York (Berg).

(25) Kos, (o. J.).

(26) Hier würde ich alles anführen, was sich als schädlich erwiesen hat: von Columbus angefangen über Umweltzerstörung, Bettenburgen an der Mittelmeerküste, ökonomische und soziokulturelle Auswirkungen des Massentourismus' bis hin zum Sextourismus.

(27) Hennig, Christoph (1997), Reiselust. Touristen, Tourismus und Urlaubskultur, Frankfurt/Main (Suhrkamp), 13.

(28) Franck, Michel, dt. Edgar Peinelt, "Über Vagabunden und sonstige Touristen", aus: LE MONDE diplomatique, in: DER STANDARD, 12. August 2000, Album S. 3.

(29) Hennig (1997), 19.

(30) Hennig (1997), 20f.

(31) Kos (o. J.).

(32) Wolf D. Hund im Gespräch mit Peter Huemer, Wie Menschenrassen erfunden werden, Ö1, 9.1.1997. Transkription: Weiss (1999), 308.

(33) Franck (2000).


Zitierempfehlung:
Birgit Weiss: Reisen aus der Distanz. In: TRANS. Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften. Nr. 12/2002. WWW: http://www.inst.at/trans/12Nr/weiss12.htm.

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