Trans Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften 7. Nr. September 1999

Internationale Verständigung und nationale Identität - Modellfall Österreich

Leslie Bodi (Melbourne)

1. Bedingungen internationaler Verständigung

Eine der Grundbedingungen für die "internationale" Verständigung ist das Verständnis für die Frage nach der Ausbildung spezifischer "nationaler" Gesellschafts- und Kultursysteme, nach den Möglichkeiten, das Fremde, das Andere in den Kontakten dieser Systeme zu verstehen. Der Vortrag von Arlt(*) handelt von Kunst- und Kommunikationssystemen in der modernen Welt; mein spezifisches Interesse ist vor allem literarisch - es liegt auf dem Gebiet der Wortkunst, die mit dem Material der Sprache arbeitet. Mich interessiert, wie man sich zwischen verschiedenen Sprachen im breitesten Sinne des Wortes verständigen kann, welche Übersetzungsmöglichkeiten es zwischen unterschiedlichen Sprach-, Kultur- und Gesellschaftssystemen gibt und welche Möglichkeiten ausgebildet werden können, um zwischen verschiedenen Mentalitäten zu vermitteln.

Die meisten Vorträge dieser Konferenz fußen auf Aspekten der Problematik Mittel- und Osteuropas. Ich will darüber sprechen, wie man gerade auf Grund der historischen Traditionen und kulturellen Gegebenheiten dieser Region Modelle für eine multinationale, vielsprachige, potentiell pluralistische Verständigung entwickeln kann. Dazu eignet sich die nationale Problematik Österreichs und der gesamten historischen Region der ehemaligen Habsburgermonarchie besonders gut.(1) Sie wird weitgehend bestimmt durch ihre widerspruchsvolle Stellung im vielsprachigen, multiethnischen, multinationalen Mitteleuropa und die Existenz verschiedener Kultursysteme innerhalb des deutschen Sprachgebiets. Deutsch ist eine plurizentrische Sprache, die in verschiedenen Gesellschafts- und Kultursystemen (wie Deutschland, Österreich oder der Schweiz) in eigenen nationalen Standardvariationen benützt wird. Diese standardsprachlichen Formen wurden den historischen Gegebenheiten und Bedürfnissen der heutigen Nationen entsprechend herausgebildet und modifiziert, werden aber von allen als Variationen der deutschen Sprache angesehen und verstanden.(2)

So entstanden komplizierte Verständnisse und Mißverständnisse - es ist weniger deutlich, einem anderen, fremden Kultursystem gegenüberzustehen, solange man sich innerhalb desselben Sprachbereichs bewegt, als wenn man zwischen verschiedenen Sprachen übersetzen und vermitteln muß. Die Verschiedenheiten deutschsprachiger Gesellschaften haben natürlich ihre Parallelen auch in anderen Sprachbereichen - solche Probleme gibt es zwischen englischem, amerikanischem und australischem Englisch, dem Französisch in Europa, Kanada und Afrika, den Sprachen der iberischen Halbinsel und Lateinamerikas, Indiens und Chinas und vieler anderer ähnlich differenzierter Sprachsysteme der Welt. Die Geschwindigkeit und Intensität der Herausbildung solcher sich gegeneinander abgrenzender Standardsprachsysteme kann heute gut an den Verständigungsschwierigkeiten zwischen den Teilen des nach über vierzigjähriger Trennung wiedervereinigten Deutschlands abgemessen werden. Sie haben meines Erachtens sicher auch sprachliche Wurzeln?(3)

Sprachprobleme und Übersetzungsfragen dieser Art müssen bedacht werden, wenn es um internationale Verständigung geht, um das Verständnis der Prozesse nationaler und kultureller Identifikation und Selbstidentifikation verschiedener Gesellschaftssysteme. In der deutschen Publizistik gibt es heute Zeichen von Ungeduld mit solchen Fragestellungen; aggressiv wurde jüngst im Feuilleton der "Zeit" der Begriff "nationale Identität" angegriffen, der "unter Intellektuellen Konjunktur" habe und "dem Leser Beklemmung verursache".(4)

Natürlich kann auch bei einer Konferenz wie der unseren die Frage gestellt werden: warum heute noch über "nationale Identitäten" sprechen und diskutieren - in einer immer mehr globalisierten, vereinheitlichten, medial völlig "vernetzten" Welt? Offensichtlich ist ja ein Zustand der "Weltkommunikation" verwirklicht, Goethes Vision einer "Weltliteratur" ist scheinbar schon weitgehend zur Realität geworden. Die Erfahrungen des letzten Jahrzehnts demonstrieren aber deutlich: ein Denken in rein globalen Kategorien konnte bisher nicht verwirklicht werden. Menschen haben das Bedürfnis, zu Gruppen zu gehören, die zwar weit über persönliche, familiäre und engste regionale Kontakte hinausgehen können, aber doch noch nicht universal und weltumfassend sind. Sie identifizieren sich mit Einheiten mittlerer, vermittelnder Größe, die man Staaten und Nationen nennt, und die vielleicht in unseren Tagen modernsten übernationalen kontinentalen Gebilden wie Europa oder Amerika Platz machen. Wahrscheinlich geht es hierbei um Fragen langer historischer Zeitspannen, um anthropologisch erklärbare Erinnerungen an das Leben in Stämmen, Horden und kleinen übersichtlichen Gruppen, in denen eine volle gesellschaftliche Identifikation noch möglich war. Sie bildeten wichtige Bausteine moderner Nationen. Diese Entwicklungen sind noch wenig erforscht.

2. Nationale Paradigmen in Europa

Für mich geht es hier um den "Prozeß der Zivilisation" im Sinne von Norbert Elias, in dem die Pazifizierung kleiner lokaler Machthaber, das Entstehen größerer, zentralisierter Staatsgebilde die Voraussetzung für Modernisierung und weitere ökonomisch-technologische Entwicklung wurde. Es waren Formen absolutistischer Herrschaft, die vorerst dynastisch und religiös legitimiert waren, dann aber zu komplexeren Systemen heranwuchsen.(5) Aufklärung und der Prozeß der Säkularisation forderten Legitimierungen in nationalen Ideologien für staatliche Rationalisierung und Organisation; sie befriedigten proto-religiöse Bedürfnisse und verbanden sich auch mit neuen demokratischen Institutionen und sozialen Forderungen.

Die neue, immer extensivere Literatur über Fragen des Nationalismus betont immer wieder die Komplexität des Nationsbegriffs die Mischung oft sehr disparater Elemente und Tendenzen, die dann zu Bausteinen nationaler Konstrukte und Ideologien wurden (Hobsbawn, 1992; Anderson, 1993). Meist ging es in Europa um die oft ambivalente, widerspruchsvolle Weiterentwicklung der griechischen Traditionen des "Demos" und "Ethnos". Nation als "Demos" kann gesellschaftliche, staatliche Organisation und Rationalität, die Summe demokratischer Forderungen im "täglichen Plebiszit" der Staatsbürger bedeuten (E. Renan).(6) Der Begriff der Nation kann aber auch auf "Ethnizität" beruhen; entscheidend wird dann die Evokation von "Volk" und "Volkstum", von gemeinsamer Sprache, Religion, Herkunft und mythisierter Tradition. Die beiden Konzepte sind keineswegs säuberlich trennbar. Aus beiden konnten sich im späten 19. Jahrhundert Gefahren exklusiver und chauvinistischer Haltungen allen "Fremden" und "Anderen" gegenüber entwickeln. Stark wurde gerade auch im Gefolge der sprachnationalistisch legitimierten Einigungsbewegungen von Deutschland und Italien die Definition der Nation als einer Sprachgruppe betont, die auf einem Territorium lebte, dieses Gebiet exklusiv beherrschte und sich so das Recht nahm, Menschen anderer Herkunft und Sprache mit allen Mitteln zu assimilieren, zu vertreiben oder selbst auszurotten. Im ethnisch und sprachlich stark gemischten Mitteleuropa mußten alle solche Forderungen - wie sie implizit auch im "Selbstbestimmungsrecht der Völker" der nach 1918 siegreichen Wilsonschen Prinzipien niedergelegt waren - bis heute zu Katastrophen und furchtbaren Erschütterungen führen.

Mein Verständnis der Problematik Mitteleuropas ist stark von den Ansichten ungarischer Soziologen und Historiker wie Oszkár Jászi und István Bibó beeinflußt - ihr Schüler Jenö Szücs entwickelt in seiner Studie über "die drei historischen Regionen Europas" eine vereinfachende aber doch erhellende Unterscheidung zwischen dem "westlichen" und "östlichen" Entwicklungsparadigma des Kontinents (Szücs, 1990). Im Westen erkennt er eine auf der Entstehung starker autonomer wirtschaftlicher und politischer Kräfte beruhende Konstellation, in der letztlich der Staat von der Gesellschaft geschaffen werde, während im Osten die Gesellschaft viel eher vom Staat bestimmt wird; für Mitteleuropa konstatiert er Mischformen dieser Paradigmen. In der "östlichen" Konfiguration kann Reform und Erneuerung nur "von oben" kommen; das Establishment und die Bürokratie initiieren sprunghafte Modernisierungsschübe, wie wir sie jüngst mit Termini wie Perestroika und Glasnost beschreiben.

Daraus ergaben sich sehr verschiedene Funktionen von Kunst und Literatur - im Westen wurden sie vorerst von verschiedenen Formen des Mäzenats getragen und dann von der freien Konkurrenz des kapitalistischen Marktes bestimmt - sie konnten sich zunehmend vom unmittelbaren politischen Druck emanzipieren und wurden neben manchen anderen direkten Formen der Meinungsbildung zum Ausdruckmittel einer modernen Öffentlichkeit. Im "östlichen" Paradigma blieben Kunst und Literatur "von oben" bestimmt. Sie wurden oft zur Lenkung der öffentlichen Meinung benützt, durch Manipulation der Zensur in "Tauwetter"-Perioden auch zur Unterstützung von Reformen und Modernisierungsschüben.(7) Literatur konnte so zum Ersatz für eine noch nicht existente politische Öffentlichkeit werden und erhielt eine im westlichen Literaturbetrieb nicht bekannte hohe gesellschaftliche Relevanz. Allerdings steht diese künstlerische Betätigung unter schwerem Zensurdruck. Sie wird vielfach gezwungen, sich einer "äsopischen Sprache" zu bedienen und mit Hilfe komplexer Verschlüsselung eine vielschichtige polyphone Kommunikation zu entwickeln. So kann sie gegen Fremdbestimmung von oben, Kolonisationsdruck und Unrecht protestieren und den Platz des Individuums in der gegebenen Gesellschaftssituation darstellen. Kunst wird so auch zum wichtigen Mittel nationaler Selbstidentifikation.

3. Bewertung nationaler Paradigmen in der europäischen Tradition

In der gesamteuropäischen Tradition gab es seit dem späten 18. Jahrhundert sehr verschiedene Bewertungen des Nationalismus. Die konservative Tradition neigte dazu, die Bedeutung von nationaler Identifikation auf ethnischer Basis in den Vordergrund zu stellen. Der romantische Nationalismus betonte die Wichtigkeit von Volk, Sprache, Religion, Ursprung und Gemeinschaft, entwickelte später faschistische, rassistische Varianten und lebt auch heute in aggressiven, inhumanen Formen nationalistischer und fundamentalistischer Ideologien weiter.(8)

Die europäische Aufklärung betonte eher die "Demos"-Aspekte nationaler Selbstbestimmung. Sie war geneigt, von universalistischen Ideen des Christentums, den Säkularisierungsprozessen von Renaissance und Humanismus ausgehend, den Menschen als Gattungswesen auf dem Weg zur Entwicklung zu Freiheit und Gleichheit zu betrachten. Im Zivilisations- und Modernisierungsprozeß wurde Fortschritt und Rationalität in wohl organisierten Staatssystemen der Vorzug gegeben. Dominant war eine positive Bewertung von Uniformierung, Normierung und Zentralisierung, die jeder partikularen Differenzierung, jeder ethnisch-nationalen Identifikation ohne Verständnis und letztendlich auch feindlich gegenüberstand. Eine interessante Konfrontation von aufgeklärtem Staatsdenken und entstehendem ethnischen Nationalismus in der mitteleuropäischen Region mußte Kaiser Joseph II. erfahren. Er wollte 1784 aus Gründen instrumentaler "aufgeklärter" Zweckmäßigkeit Deutsch als Amtssprache in Ungarn einführen, um den Gebrauch des Latein zu ersetzen: dies führte zu seiner größten Überraschung zu explosivem nationalistischen Widerstand.(9) Nie verstanden die absolutistischen Herrscher europäischer Imperien, daß der moderne ethnische Sprachnationalismus eine stark emotional besetzte Kategorie ist, die auf anderer Bewußtseinsebene liegt als staatliche Modernisierung und Rationalisierung.

Aber auch für aufgeklärte Intellektuelle und Revolutionäre des 19. Jahrhunderts blieb der ethnisch-sprachliche Nationalismus unverständlich. In den USA und im revolutionären Frankreich waren moderne demokratische Staatsnationen im Sinne der Aufklärung geschaffen worden. Revolutionäre Aufklärer vermuteten Königs- und Priestertrug hinter religiösen und nationalen Unterschieden. Für radikale Denker der Linken wie Heine, Saint-Simon oder Marx war es selbstverständlich, daß mit dem Fortschritt zur freien und gleichen modernen Gesellschaft religiöse Glaubenssysteme ebenso wie ethnisch-sprachliche Gruppenmerkmale "absterben" und verschwinden würden. Man sah sie als Überreste anachronistisch gewordener Unwissenheit. Im klassischen Marxismus wurde meist jede ernsthafte Reflexion über Fragen der Ethnizität als störend für die Emanzipation der Menschheit betrachtet - die Artikulation der Problematik des Nationalismus blieb den Kräften des Konservatismus überlassen. Aber französische Jakobiner, russische wie chinesische Kommunisten praktizierten in ihren brutalen Versuchen der Auslöschung aller ethnischer Unterschiede dieselbe Rücksichtslosigkeit, derer sie die Kolonialherren der imperialistischen Nationalstaaten Europas zu Recht anklagten.

Es war der große Schock des 20. Jahrhunderts zu erfahren, daß ethnisch-sprachlich bedingte Nationalismen - ebenso wie religiöse Überzeugungen - trotz aller technologisch-aufgeklärter Fortschritte weiter lebten. Sie verbanden sich mit sozialen und politischen Forderungen zu explosiven nationalen Mythen, dienten zur Legitimation vernichtender Weltkriege und verbrecherischer totalitärer Diktaturen. Das Verständnis dieser Prozesse wurde durch Sprachtabus und Sprachregelungen der Linken bis zur rebellischen Generation der Achtundsechziger fatal erschwert.

Es war die "Tendenzwende" der siebziger Jahre in den entwickelten westlichen Industriegesellschaften, die die Frage nach "nationaler Identifikationen" im ganzen Spektrum der Intelligenz diskutierbar machte. Die Suche nach "Wurzeln" und "Heimat", die Postulierung von "small is beautiful", die "Nostalgiewelle" und die Hoffnung auf globale Möglichkeiten eines friedlichen Zusammenlebens von Menschengruppen sowie von Mensch und natürlicher Welt wurden zu Grundlagen für eine neue Definition von moderner "Ethnizität" und nationaler Identität. Im deutschen Sprachraum stellte Jürgen Habermas 1974 die Frage: "Können komplexe Gesellschaften eine vernünftige Identität ausbilden?"(10) Er beantwortete sie im Sinne der modernen Zivilgesellschaft mit der Forderung nach der Verbindung demokratischer und internationaler Elemente in der modernen Selbstidentifikation von Nationen. All dies steht im Kontext der Ideen und der Kunstauffassung der Postmoderne, die die "Auflösung der großen Erzählungen", fundamentalistischer Ideologien und des rein instrumentellen Fortschrittsglaubens fordert. Es gibt jetzt neuartige Möglichkeiten multidimensioneller Selbstidentifikationen der Menschen nach Geschlecht, Altersgruppe, sozialer Zugehörigkeit, Religion, mit voller Wahlfreiheit in komplexen pluralistischen Gesellschaften. Auch Ethnizität und Sprache können hier eine wichtige Rolle spielen.

Die Jahre um 1989 brachten einen neuen Schock für utopische Aufklärungsideologen. Es mußte erkannt werden, daß das Ende der Sowjetunion und des Kalten Krieges keineswegs ein "Ende der Geschichte" (F. Fukuyama) bedeutete, sondern das Entstehen und Erstarken neuer Diktaturen, neuer Fundamentalismen mit sich brachte. Verständnislos standen aufgeklärte Intellektuelle Manifestationen nationalistischer Ideologien und Bestrebungen gegenüber, die die Wichtigkeit des historischen Langzeitgedächtnisses für gesellschaftliche Gruppen, Völker und Nationen demonstrierten. Sie waren dem Zerfall Jugoslawiens und der Sowjetunion gegenüber ebenso hilflos, wie der Änderung des Schlagworts "Wir sind das Volk" zu "Wir sind ein Volk" im Prozeß der Wiedervereinigung Deutschlands. Das erstaunte und empörte Unverständnis sowjetischer Apparatschiks, bundesdeutscher Schriftsteller und westlicher Politiker angesichts dieser Entwicklung hat viel Ähnlichkeit mit dem Schock, den Joseph II. und seine Ratgeber vor 200 Jahren beim ersten explosiven Erscheinen nationalistischer Ideologien erfuhren. Es geht hier um die Verständnislosigkeit eines eindimensionalen Aufklärungsdenkens der Komplexität der modernen Welt gegenüber. Es war für mich interessant zu beobachten, wie streng mathematisch-monetaristisch orientierte angelsächsische Wissenschaftler nach ihrer völligen Fehlkalkulation der Stärke der Sowjetunion ihre Rhetorik änderten. Sie begannen plötzlich darüber zu sprechen, daß es doch wohl wichtig sei, neben den "hard facts" der ökonomischen Statistiken auch "soft factors", das heißt kulturelle, historische, emotionale Motivationen im gesellschaftlichen Leben besser zu verstehen.

In diesem Kontext kann wohl gesehen werden, daß es seit zwei Jahrzehnten ein wachsendes Interesse für Erscheinungen und Begriffe wie Staat, Nation, Sprache, Volk, Region und Gesellschaft gibt. Es geht nicht mehr um den exklusiven ethnischen Sprachnationalismus des 19. Jahrhunderts, sondern um Möglichkeiten einer neuen Selbstidentifikation innerhalb von modernen pluralistischen Industriegesellschaften. Es gibt vorzügliche neue Publikationen und seriöse wissenschaftliche Seminare, die zeigen, wie lebenswichtig es für die neue Weltgesellschaft ist, die Sprachlosigkeit, das traumatisierte Schweigen über diese Probleme zu überwinden. Man versucht, neue Terminologien zu finden, die einen vernünftigen Umgang mit dieser Problematik ermöglichen. Allerdings gilt in vieler Hinsicht bis heute noch immer die Diagnose von Norbert Elias in seinen "Studien über die Deutschen" aus der Mitte der sechziger Jahre: "In der Regel unterliegt die leidenschaftslose Erforschung nationalistischer oder patriotistischer Glaubensdoktrinen bis heute einem recht starken Denkverbot: sie ist sozial tabuiert" (Elias, 1989, S.205). Diese Feststellung ist besonders wichtig im vielsprachigen, multinationalen Mitteleuropa mit den Traditionen erbitterter nationaler Konflikte der letzten Jahrhunderte - und ist vielleicht am relevantesten im deutschen Sprachbereich mit der Erinnerung an die furchtbaren Verbrechen, die hier in der Hitlerzeit im Namen des Nationalismus verübt wurden.

4. Modellfall Österreich

4.1. Entwicklungstendenzen deutscher und österreichischer Geschichte

Zum Verständnis solcher Kommunikationsschwierigkeiten und belastender, tabuisierter Erinnerungen scheint der Prozeß der modernen Selbstidentifikation Österreichs ein wichtiger Modellfall zu sein. Natürlich entwickelten sich mit dem Erstarken des aggressiven modernen Nationalismus des späten 19. Jahrhunderts im Vielvölkerstaat der Habsburger besonders scharfe Gegensätze zwischen einzelnen Sprachgruppen. Der rassistische Antisemitismus trat offen zu Tage, aber es gab auch Versuche, über ein zivilisiertes Zusammenleben verschiedener ethnischer Gruppen nachzudenken. Gleichzeitig erschienen jedoch gerade in dieser Region schwerwiegende Verständigungsprobleme zwischen deutlich verschiedenen Gesellschaftssystemen desselben Sprachbereiches, die sich als Ergebnis historischer und sozialer Gegebenheiten herausgebildet hatten. Es geht hier um die schon anfangs erwähnten Unterschiede zwischen gleichsprachigen Gesellschaften plurizentrischer Sprachbereiche, in denen gerade der Gebrauch derselben Sprache, die scheinbar problemlose Übersetzung zwischen nationalen Standardvariationen zum Hindernis internationaler Verständigung wird.

Viele Probleme der Ausbildung und Verbalisierung des modernen Österreichbewußtseins haben ihre Wurzeln in der Doppelfunktion der Habsburger als Herrscher des Heiligen Römischen Reiches und Territorialherren ihrer ausgedehnten, vielsprachigen Erblande. Hier entstanden die Widersprüche, die auch nach dem Ende des Reiches und der Annahme des österreichischen Kaisertitels (1804) die Geschichte der Donaumonarchie weitgehend bestimmten und bis heute in der historischen Langzeiterinnerung der Österreicher weiterleben. So erweckt etwa der Terminus "Reich" bei ihnen im Adjektiv "reichsdeutsch" ganz andere Assoziationen als in der modernen Staatsbezeichnung "Österreich" (vgl. G. Stourzh, 1990, S.25-27; 47-49).

Wichtig war für die Profilierung einer österreichischen Selbstidentifikation unter anderem auch die grundlegend gegensätzliche Entwicklungsproblematik Deutschlands und Österreichs. Nach der Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges bekamen im alten Reich bald die protestantischen Kleinstaaten das Übergewicht. Die ökonomische und gesellschaftliche Entwicklung forderte zunehmend die Einigung der deutschsprachigen Territorien des zersplitterten Landes im Sinne der Nationalstaaten des Westens. Im Laufe des 18. Jahrhunderts bildete sich eine Intelligenz heraus, die in der Bildungsideologie der Goethezeit die humanistischen, kosmopolitischen Ideen der Aufklärung zum Projekt einer Einigung Deutschlands als Kulturnation der "Dichter und Denker" entwickelte.(11) Trotz großartiger literarischer Werke und philosophischer Systeme war die Gesellschaftsutopie der deutschen Klassik und Romantik völlig hilflos gegenüber den Kräften der "Realpolitik" des Absolutismus. Zur Zeit der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege stand sie in engster Verbindung mit einem ethnisch bedingten Sprachnationalismus, der von Herder und besonders von Fichte ausgehend die Legitimation für den preußischen Weg der Reichsgründung lieferte. Deutlich sah Heine schon um 1833 die Gefahren, die der Glaube an deutsches Volkstum und der aggressive Gebrauch der teutonischen Mythologie für ganz Europa bedeuten würden.(12)

Nach der Ausschaltung demokratischer Alternativen in der Niederlage der Revolutionen von 1848/49 wurde die Einigung Deutschlands 1871 mit Ausschluß Österreichs durchgeführt. Sie geschah im Sinne eines aktivistischen Glaubens an die Notwendigkeit der Schaffung eines modernen Nationalstaates, der seinen Platz im Konkurrenzkampf mit anderen Staaten Europas mit allen Mitteln rücksichtslos verwirklichen mußte. Die grundlegende Haltung und Mentalität, die für den Erfolg dieser Bestrebungen notwendig war, unterschied sich entscheidend von den historisch bedingten Problemen des Habsburgerreiches.

4.2 Österreich von der Gegenreformation zum Reformabsolutismus

Seit dem 16. Jahrhundert waren die Habsburger die Herrscher über ihre vielsprachigen, multiethnischen Erblande. Gesellschaftssysteme auf verschiedensten Stufen ihrer ökonomischen und politischen Entwicklung waren durch die drohende Expansion des Osmanenreiches zusammengebracht worden. Sie wurden durch Dynastie und Kirche nach einer brutal durchgeführten Gegenreformation zusammengehalten. Die Kultur des Barock förderte repräsentative Kunstübung; Musik, Theater und Architektur dienten dem Ausdruck der imperialen Bestrebungen des Hofes und der Macht der Kirche. Die strikte Zensur der Jesuiten unterdrückte weitgehend die Ansätze zur Verbalisierung der Probleme der Gesellschaft, die Entwicklung einer säkularen Literatur und Philosophie.

Die Invasion Schlesiens durch Preußen und die Erfolge Friedrichs II. führten Mitte des 18. Jahrhunderts zur Erkenntnis der drängenden Notwendigkeit der Modernisierung des Habsburgerreiches, des Aufholens dem entwickelteren protestantischen Deutschland und dem westlichen Europa gegenüber. Es folgte eine Periode der Zentralisierung, Bürokratisierung und Rationalisierung der Monarchie. Administrative, ökonomische und soziale Reformen wurden durchgeführt - zuerst vorsichtig unter Maria Theresia und dann mit explosivem, fast revolutionärem Radikalismus durch Joseph II., besonders im Jahrzehnt seiner Alleinherrschaft (1780-90). Der Reformabsolutismus legte bis heute bestehende Grundlagen des Rechts- und Wohlfahrtsstaates, der Lese- und Schreibfähigkeit (auch für die nationalen Gruppen) und eines standardisierten Sprachgebrauchs. Ein extensiver Büchermarkt entstand, eine neue Intelligentsia organisierte sich in Freimaurerlogen und schaffte die Ansätze einer modernen Öffentlichkeit. Die Kirchenreform brachte einen modernisierten, den Intentionen des Staates weithin entsprechenden Katholizismus. Die Reformbewegung fand ihre Legitimation in der Ideologie und Terminologie der gesamteuropäischen Aufklärung. Toleranz und Befreiung wurden zu weit verbreiteten Schlagworten im Dienste einer pragmatischen Staatspolitik.(13)

Jetzt begann auch eine sich von der Literatur des protestantischen Deutschland bewußt abgrenzende und unterscheidende Literaturentwicklung. Neben der im Sinne des aufgeklärten Absolutismus durchgeführten Reform des "hohen" Theaters blieb das Volkstheater bestehen, Elemente einer "karnevalistischen Lachkultur" wirkten weiter (M. Bachtin), die eine Kritik aller Autorität aus der Hanswurst-Perspektive ermöglichten.(14) Wien war im späten 18. Jahrhundert eine für den deutschen Sprachraum einzigartige vielsprachige, vielschichtige Großstadt. In enger Verbindung mit dem regen Musikleben der Stadt förderte diese Atmosphäre die Ansätze zu einer multiperspektivischen Literatur Wenig ist bis heute die Bedeutung des Formenreichtums der explosiv einsetzenden Broschürenflut bekannt, die 1781 als Folge einer weitgehenden Lockerung der Zensurbestimmungen vielschichtige Formen der Satire, Ironie, Parodie und Groteske in einer Situation des "Glasnost" entwickelte (Bodi, 1977).

Bald schlug in der europäischen Krisenzeit der Mitte der achtziger Jahre "konstruktive", obrigkeitlich gelenkte Kritik in "destruktive" Angriffe auf das ganze System des aufgeklärten Absolutismus über. Ungeduld mit der weiter bestehenden staatlich-bürokratischen Lenkung der Literatur schlug bei einigen Autoren in Forderungen der vollen "Publizität der Staatsgeschäfte" um (Bodi, 1977, S.250-55). Versammlungsfreiheit und selbst demokratische Institutionen wurden gefordert. Das war aber nicht mehr tragbar für die Regierungsspitze der Monarchie. Durch die Reformbewegung selbst erweckte Anfänge moderner nationalistischer Bewegungen bedrohten den territorialen Bestand des Habsburgerreiches. Die Verschärfung der obrigkeitlichen Kontrollen im Namen der Aufklärung beleidigte die neuen Gruppierungen der Intelligentsia; sie kritisierten auch die Halbherzigkeit der Reformen. Breite Volksschichten sahen keine Besserung ihrer ökonomischen Lage als Kompensation für die Störung altgewohnter Sitten und Gebräuche sowie die Bürokratisierung und Reglementierung des Alltagslebens.(15) Zur Zeit der Radikalisierung der Französischen Revolution konnte auch das diplomatische Geschick Leopolds II. (1790-92) wenig vom Reformabsolutismus retten. Es gab nur schwache Proteste, als die Regierung bald nach seinem Tode in einer Reihe von polizeilich inszenierten "Jakobinerprozessen" der Reformbewegung ein totales Ende setzte. Raisonierende Intellektuelle wurden zum Schweigen gebracht, die Zensur in voller Strenge wiederhergestellt, der Gebrauch der Aufklärungsterminologie verboten, die Erinnerung an die radikale Reformzeit völlig traumatisiert (1795).

4.3. Das 19. Jahrhundert; das Ende der Habsburgermonarchie

Das System Metternichs beruhte auf dem im Reformabsolutismus geschaffenen zentralisierten, durchbürokratisierten Polizeistaat - ein "josephinisches Trauma" jedoch verbot den Gebrauch aller Aufklärungsrhetorik zur Legitimation der Staatsmacht und diente zur völligen Unterdrückung demokratischer und nationaler Bestrebungen. Die Grundtendenz der weiteren Entwicklung Österreichs war in vieler Hinsicht der Entwicklung Deutschlands diametral entgegengesetzt: es ging nicht um die Schaffung eines ethnischsprachlich legitimierten neuen Nationalstaates, sondern um Erhaltung einer traditionellen multinationalen europäischen Großmacht. Es ging nicht um Bewegung und Änderung, sondern um das Prinzip der Bewegungslosigkeit, die allein den Weiterbestand des Habsburgerreiches zu sichern schien. So erstarkte eine eher passive als aktive Mentalität, der ein pragmatisches Denken viel besser entsprach als der Ausbau theoretischer philosophischer Systeme. Vorsicht, Mißtrauen und Eigenschaftslosigkeit wurden zu positiven Identitätsmerkmalen stilisiert, geschlossene Ideologien, zu fundamentalistischer Gewißheit neigende Utopien zugunsten eines eher pluralistischen Denkens abgelehnt. Übertriebene Sentimentalität, schwärmerische Metaphysik und Formen der im deutschen Pietismus wurzelnden Empfindsamkeit wurden oft ironisch-parodistisch umfunktioniert. In der vielsprachigen, multikulturellen Atmosphäre der Monarchie entstand ein waches Sprachbewußtsein und eine Sprachkritik, die oft an die Stelle direkter, expliziter politischer Kritik treten konnte. Das lange Weiterleben starken Zensurdruckes förderte die Vervollkommnung einer "äsopischen Sprache" für ein Publikum, das mit größter Sensibilität auch die kleinsten Anspielungen zu verstehen gelernt hatte. Das Raunzen und Nörgeln zur Untätigkeit verdammter unzufriedener Bürger wurde literarisch und künstlerisch ebenso thematisiert, wie das Weiterwursteln eines "durch Schlamperei gemilderten Absolutismus". Der normativen, elitistischen deutschen Kunstkritik sehr suspekt erscheinende Formen wie Operette und Feuilleton erhielten in der Donaumonarchie besondere Funktionen für die gesellschaftliche und inter-ethnische Konsensbildung.(16)

Das ganze 19. Jahrhundert hindurch befanden sich die deutschsprachigen Österreicher in einer höchst komplexen und widerspruchsvollen Situation. Sie waren die dominante Sprachgruppe des von anderen ethnischen und nationalen Gruppen zunehmend als "Völkerkerker" empfundenen Gesamtstaates. Nach dem Ausgleich mit Ungarn und mit der Entwicklung einer verschärften Welle des aggressiven Nationalismus in Europa formulierten auch sie ihre eigene deutsch-nationalistische Identifikation. Andererseits hatten sie starke Minderwertigkeitsgefühle der durch Sprachnationalismus legitimierten dynamischen deutschen Entwicklung gegenüber. Deutschnationale Empfindungen begleiteten die Reichsgründung Bismarcks; "deutsch" war für österreichische Intellektuelle synonym mit "effizient", "progressiv" und "modern". Verstärkt wurde diese Ambivalenz durch die Traumatisierung der eigenen Aufklärungstradition der Donaumonarchie - Nationalliberalismus wie Arbeiterbewegung übernahmen unreflektiert die deutsche Bildungsideologie der Goethezeit als Teil ihrer eigenen Tradition. In einer Zeit wachsender deutschnationaler und rassistischer Strömungen suchten hochpatriotische assimilierte jüdische Intellektuelle und Schriftsteller Österreichs "ihre Heimat in der deutschen Sprache". So interferierten auf verwirrendste Weise kakanischer Staatsnationalismus und deutscher Sprachnationalismus im Bewußtsein deutschsprachiger Österreicher.(17) Die Konzepte waren wie aufeinander photographiert, nicht auseinanderzuhalten, und erschwerten fatal die Artikulation des kulturell-nationalen Selbstverständnisses. Gesteigert wurden diese Schwierigkeiten auch durch die Unübersetzbarkeit zentraler Termini aus dem deutschen in einen anderen Kontext: Begriffe wie "Bildung", "Weltanschauung", "Nation" und "Kultur" hatten in Österreich nicht dieselbe Bedeutung wie im reichsdeutschen Sprachgebrauch.

Schon jetzt jedoch entwickelten sich in Österreich Gedanken über pluralistische Lösungsversuche zum Zusammenleben verschiedener Sprachgruppen, zur Überwindung des aggressiven ethnischen Nationalismus in der Monarchie und für ganz Mitteleuropa. Vorschläge zur Donaukonföderation und zur föderalistischen Neuordnung der Monarchie kamen aus Böhmen und Ungarn."(18) Es ist wichtig, daß innerhalb der Entwicklung des Marxismus die ersten ernsthaften wissenschaftlichen Versuche zum Verständnis und zur Lösung nationaler Konflikte von Austromarxisten wie Otto Bauer und Karl Renner stammen.(19) Vorerst scheiterten aber alle diese Projekte; der Ausgleich mit Ungarn, der Dualismus, verschärfte die nationalen Widersprüche der Monarchie und die Identitätskrise der deutschen Bevölkerung weiter. Vorherrschend blieb die paradoxe Situation eines Staatsgebildes, das nach Musils Worten "an einem Sprachfehler zugrundegegangen ist".(20)

Künstlerisch und kulturell hatte diese Krisensituation aber auch sehr positive Wirkungen - sie war wohl einer der Gründe für die einzigartige Explosion kreativer Kräfte im Wien des Fin-de-Siécle, aber auch in Budapest, Prag oder Triest und in anderen Gebieten der Monarchie. Sie hatte entscheidende Folgen für die ganze weitere Entwicklung westlichen Denkens und künstlerischen Schaffens in Psychologie, Philosophie, Literatur, Musik und Malerei, und beeindruckt auch heutige Historiker und Wissenschaftler immer wieder mit ihrer Modernität und "Postmodernität". Weitgehend blieben aber Fragen nach staatlichen, nationalen und auch gesellschaftlichen Zugehörigkeiten aus dem Diskurs der österreichischen Jahrhundertwende ausgeklammert.

4.4 Österreichbewußtsein in der ersten und zweiten Republik

Mit dem Zerfall der Monarchie und der Entstehung neuer Nationalstaaten aufgrund des katastrophal unzulänglichen Prinzips des exklusiv-sprachnationalistisch begründeten "Selbstbestimmungsrechts der Nationen" bestand die Republik Österreich als "Rest" der Monarchie weiter. Sie fühlte sich ökonomisch lebensunfähig und wurde von schweren politischen Krisen und vom Bürgerkrieg erschüttert. Die von Kräften der Rechten wie der Linken weitergetragene deutsch-nationalistische Selbstidentifikation und die Stärke rassistisch-antisemitischer Gefühle trugen 1938 zur Hilflosigkeit gegenüber dem Anschluß an Nazideutschland bei. Schon die ersten Zeiten der politischen und ökonomischen Gleichschaltung des Landes an den mächtigen Nachbarn ließen jedoch neben starken Anpassungstendenzen (Stourzh, 1990, S.42-96) kulturelle und sprachliche Unterschiede deutlicher denn je zuvor hervortreten; wirklicher Widerstand entwickelte sich aber erst angesichts des verlustreichen und verlorenen Krieges und der Bereitschaftserklärung der Alliierten, ein unabhängiges Österreich als "erstes Opfer" des Hitlerreiches zu akzeptieren (Moskauer Deklaration, 1.11.1943).

Die zweite Republik bedeutete einen entscheidenden Neubeginn für die Entwicklung der nationalen Selbstidentifikation der heutigen Österreicher. Zu Recht betont Ernst Bruckmüller, daß die Gründung der zweiten Republik eine historisch einzigartige zweite Chance für das Land bedeutete, aus den Fehlern einer früheren Staatsgründung zu lernen (Bruckmüller, 1984, S.27). Viele Illusionen über die Überlegenheit "deutscher Kultur" waren erschüttert. In den Konzentrationslagern und der Emigration hatten sich Vertreter der verfeindeten und zutiefst polarisierten demokratischen Parteien über eine zivilisierte Zukunft Österreichs verständigen können. Der Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit, Staatsvertrag und Neutralitätserklärung, der Modernisierungs- und Internationalisierungsschub der Kreisky-Zeit legten die Grundlagen für die Entstehung eines modernen österreichischen Nationalbewußtseins. Bis heute leben allerdings Elemente des deutschen Sprachnationalismus weiter, wie dies die Diskussionen um Karl Dietrich Erdmanns Thesen (Stourzh, 1990, S. 8-18), um die Wahl Waldheims zum Präsidenten, die Karriere Jörg Haiders und Demonstrationen von Rassismus und Fremdenhaß beweisen.

Die Erhebungen der Meinungsforscher zeigen eine entscheidende Zunahme des Österreichbewußtseins unter anderem mit dem Anwachsen der Bejahung der Feststellungen "Die Österreicher sind eine Nation" und "beginnen sich langsam als Nation zu fühlen" von 70% im Jahre 1964 auf 82 % (1970) und 92 % im Jahre 1993 (Bruckmüller, 1994, S.15). Das Jahr 1991 zeigte Resultate dieses Prozesses: die kluge Reaktion Österreichs auf den Zerfall Jugoslawiens sowie Bundeskanzler Vranitzkys offizielles Eingeständnis der Schuld vieler Österreicher an den Verbrechen der Nazizeit und sein Bekenntnis zur Verantwortlichkeit der Nation für ihre gesamte Tradition. All dies geschah im Rahmen eines wachsenden Bewußtseins der Notwendigkeit einer im Sinne der modernen Zivilgesellschaft formulierten "Europafähigkeit", die bei der unerwartet erfolgreichen Abstimmung über den Beitritt zur EU im Juni 1994 durchaus bestätigt wurde. Der Erfolg Haiders bei den Wahlen im Oktober wies allerdings auf die noch bestehenden Unsicherheiten in dieser Selbstdefinition hin.

Auf dem Gebiet der Erweiterung der Möglichkeiten internationaler Verständigung durch das Verständnis moderner nationaler Identifikations- und Selbstidentifikationsprozesse ist die heutige Situation Österreichs von großem Interesse. In Gesprächen mit Germanisten, Historikern und Schriftstellern ist immer wieder die Klage zu hören, daß das statistisch belegte und im täglichen Gespräch und Verhalten durchaus präsente neue Österreichbewußtsein von keinem entsprechenden Selbstbewußtsein begleitet ist. Vielfach fehlt die Fähigkeit und der Wille, die Frage "was ist österreichisch?" zu beantworten. Es bestehen große Schwierigkeiten bei der Verbalisierung der Probleme von Staat, Nation, Volk, Sprache und Gesellschaft im Kontext des heutigen Mitteleuropas. Es fehlt eine der Thematik angemessene Terminologie, ein Zustand der Sprachlosigkeit beherrscht oft die Debatten über nationale Charakteristika im allgemeinen und eine moderne österreichische Identität im spezifischen Sinne. Die Schwierigkeiten der Österreicher, über ihre moderne, nicht vom ethnischen Sprachnationalismus des 19. Jahrhunderts bestimmte Selbstidentifikation zu sprechen, ist aber gleichzeitig mit starken Ressentiments gegen Außenstehende durchsetzt, die die Besonderheiten der österreichischen Kultur nicht bemerken und anerkennen wollen. Selbst meinungsbildende Intellektuelle und Wissenschaftler, die vorzügliche Arbeit bei der internationalen Verbreitung und Popularisierung österreichischer Sprache und Literatur leisten, geben vielmals taktvoll ausweichende Antworten, wenn sie über die Spezifika österreichischer Kulturtraditionen und der modernen nationalen Bewußtseinsbildung des Landes befragt werden. Sie fürchten sich vor der Komplexität der Beschreibung nationaler Charakteristika; sie befürchten in simplifizierende, verfälschende Klischees zu verfallen, die regionalen Unterschiede innerhalb Österreichs zu verschleiern und einem weltweit neu erstarkenden Chauvinismus und Rassismus das Wort zu sprechen. Natürlich ist auch die Erinnerung an den verbrecherischen Mißbrauch nationaler Schlagworte in den totalitären Bewegungen unseres Jahrhunderts lebendig geblieben. In der Linken lebt so die im Aufklärungsparadigma wurzelnde volle Ablehnung jeder ernsthaften Analyse regionaler und nationaler Besonderheiten weiter; die Rechte ist bis heute vielfach mit deutschnationalen, ethnisch-völkischen Traditionen verbunden geblieben. Allgemein besteht die Befürchtung, man werde selbst durch eine wissenschaftliche Beschäftigung mit den spezifischen Charakteristika der österreichischen Kultur, mit rückständigsten Kräften des Provinzlertums gemeinsame Sache machen und ein touristisch aufgemachtes Österreichbild fördern. Erschwerend wirken für heutige Österreicher die im historischen Langzeitgedächtnis der Nation noch durchaus vorhandenen Interferenzen des Staatsnationalismus der Habsburgermonarchie mit dem reichsdeutschen Sprachnationalismus. Dem wird schon durch die Tatsache Vorschub geleistet, daß der Terminus "deutsch" gleichzeitig für die gemeinsame Sprache der beiden Länder und die staatsrechtliche Bezeichnung der Bürger der Bundesrepublik Deutschland gebraucht wird.

Wie in vielen Situationen kleiner und großer Gesellschaftssysteme desselben plurizentrischen Sprachraums gibt es seit Jahrhunderten nie deutlich verbalisierte Spannungen, Überheblichkeitsgefühle und Minderwertigkeitskomplexe zwischen Deutschen und Österreichern. Sie werden erschwert durch Erinnerungen an alte Konkurrenzkämpfe, an die Disparität zwischen der imperialen Stellung Wiens im deutschen Sprachbereich und der ökonomischen Abhängigkeit der österreichischen Literatur vom größeren, finanzkräftigeren deutschen Büchermarkt. Seit der Zeit des Reformabsolutismus gibt es allerdings bittere Konflikte mit deutschen Kritikern, Regisseuren, Universitätsprofessoren und Verlagslektoren um die Anerkennung von Besonderheiten der österreichischen Kultur.

5. Österreichische Literatur und internationale Verständigung

Die Beschäftigung mit der Rolle und Funktion der deutschsprachigen österreichischen Literatur kann als Modell dienen für die Erhellung von Verständnismöglichkeiten und -schwierigkeiten zwischen verschiedenen Kultursystemen desselben Sprachbereichs eine Situation, die trotz der Entstehung einer modernen globalen Kultur auch an vielen anderen Orten der Welt zum wichtigen Problem geworden ist. Es geht um eine Konstellation, die zeigt, wie Sprache selbst im Falle der auf Wortkunst beruhenden Literatur ein zwar sehr wichtiger, aber doch nicht allein bestimmender Faktor der kulturellen Identifikation ist - die österreichische Literatur unterscheidet sich unter anderem ja gerade dadurch von der deutschen, daß sie besonders enge Beziehungen zur Literatur- und Kulturentwicklung des über das deutsche Sprachgebiet hinausgehenden vielsprachigen, multikulturellen mitteleuropäischen Raumes hat. Dies kann diesem Literatursystem eine manchmal sehr modern anmutende pluralistische Offenheit geben. Die Diskussion über Besonderheiten einer österreichischen Kultur muß immer zur Voraussetzung haben, daß es hierbei nicht um normierte Stereotypen ewig feststehender, rassistisch-biologisch erklärbarer Phänomena geht, sondern um kulturelle Systeme mit weit offenen Rändern, um Möglichkeiten pluraler, multipler Identifikationen. Es geht auch nicht um normative Urteile ästhetischen, moralischen oder politischen Charakters. In der komplexen ethnisch-gesellschaftlichen Situation der Donaumonarchie entstanden Haltungen der Kompromißbereitschaft, der Ablehnung eines Denkens in starren Kategorien des "entweder/oder". In dieser Mentalität hat wohl das von Robert Menasse so stark kritisierte österreichische "Prinzip des Entweder-und-Oder" seine Wurzeln (vgl. R. Menasse, 1992, S. 16ff.) - vielleicht hat sich aber gerade diese Haltung für die Entwicklung eines undogmatischen künstlerischen und literarischen Schaffens sehr positiv ausgewirkt.

Der Gebrauch der deutschen Sprache, viele gemeinsame Traditionen, Erinnerungen und Institutionen verbinden die österreichische Kultur mit der der Bundesrepublik oder der Schweiz; natürlich ist sie auch Teil anderer nationaler Kulturen Mitteleuropas, Europas und der ganzen westlichen Welt. Für das Verständnis solcher Modelle einander überschneidender Kreise mit neu entstehenden Zentren und Peripherien bietet die Literatur Österreichs gute Beispiele. Man muß verstehen, daß große deutschsprachige Autoren der Weltliteratur - Goethe und Schiller, Stifter und Thomas Mann, Frisch und Brecht, Kafka und Musil in der deutschen Kultur immer etwas anders gelesen und verstanden wurden als in der österreichischen. Keineswegs können isolierte Sätze oder Absätze oder auch vereinzelte Werke in dieser Situation gleichsprachig plurizentrischer Kulturen als zum einen oder anderen Kulturbereich gehörend identifiziert werden. Sicher gibt es aber seit 200 Jahren eine spezifisch österreichische Literatur, die mit anderen deutschsprachigen Literaturen, aber auch mit anderssprachigen Literatursystemen der Region in enger Beziehung steht.(21)

Dieses System österreichischer Literatur hat gewisse Traditionsstränge, häufiger auftretende Themen, Haltungen und Strategien, die es von anderen deutschsprachigen und europäischen Literaturen unterscheidet. Es geht hier unter vielem anderen um die seit der Zeit des Reformabsolutismus verschiedentlich variierten Darstellungen des Protests gegen geschlossene Systeme und Ideologien, gegen fundamentalistische Positionen aller Art - Haltungen der "Eigenschaftslosigkeit" und des "Möglichkeitsmenschen" (Musil) werden aufgezeigt, Einstellungen der "Aperzeptionsverweigerung" (Doderer) bloßgestellt. Oft zeigt die österreichische Literatur die Gefahren völlig durchbürokratisierter, unmenschlich perfekter und zugleich hoffnungslos verkommener Gesellschaftssysteme auf (Kafka). Dominant bleibt eine Perspektive "von unten" in den Traditionen der Volkskomödie - nicht aufgrund theoretischer Postulate erarbeitet, sondern aus der Theaternähe der Kultur entstehend. Auch die enge Verbindung von Musik und Literatur fördert hoch sensible, psychologisch-analytische Darstellungen, menschlicher Probleme (Grillparzer und Stifter, Schnitzler und Canetti).

Verschiedenste Varianten der Sprachkritik entstehen in Österreich in einer Atmosphäre hoch ausgebildeter sprachlich-artistischer Sensitivität im Protest gegen die gefroren-unmenschliche autoritäre Sprache bürokratisierter Institutionen. Seit der Broschürenliteratur des josephinischen Jahrzehnts gibt es immer wieder hervorragende österreichische Werke, die auf dem Prinzip der Parodie beruhen - wortwörtlich zitierte Sprache entlarvt sich selbst und enthüllt die hinter dem Klischee stehende lügenhafte Absicht des Sprechenden, seine Dummheit und die Immoralität seiner Absichten. Diese parodistische Struktur ist eng verbunden mit Satire und Ironie; sie ist ebenso charakteristisch für völlig in Vergessenheit geratene josephinische Schriften von F.X. Huber oder Paul Weidmann, wie für Monologe der Nestroyschen Figuren, des Leutnant Gustl, des Herrn Karl und Bernhards "Auslöscher" Franz-Josef Murau. Diese parodistische Technik liegt dem Lebenswerk von Karl Kraus zugrunde. Die Tradition künstlerischer Sprachkritik bestimmt die Parodien von Robert Neumann und Friedrich Torberg ebenso wie die umfassende parodistische Gestaltung der zeitgenössischen Welt durch den Ungarn Frigyes Karinthy und die Darstellung der untergehenden Habsburgermonarchie aus der tschechischen Perspektive in Jaroslav Hašeks "Schwejk".

Die Fähigkeit, aufmerksam hinzuhören, zu verstehen, wie Sprache und Sprachgestik gleichzeitig aussagt und verhüllt, erlangte durch die Freudsche Psychoanalyse internationale Bedeutung für das wissenschaftliche Denken und die ärztliche Praxis der Moderne. Sie wird auch wichtig für Kunst und Literatur. In der vielsprachigen, multinationalen Atmosphäre Wiens und Mitteleuorpas entstand eine verstärkte Freude an Spiel, Unsinn und freier Assoziation, der Zerstörung falscher Sprach-, Denk- und Gesellschaftsnormen in der absurd-anarchischen Sprachkunst der Wiener Gruppe oder der Poesie Ernst Jandls, die ihn zum veritablen Nationaldichter des neuen Österreichs machte.

Die Möglichkeiten und Schwierigkeiten internationaler Verständigung werden in der österreichischen Literatur oft auch direkt thematisiert. Es geht um die Einführung von Gestalten aus anderssprachigen Teilen Mitteleuropas, um die Einübung in die Fähigkeit, sprachliche, kulturelle und nationale Unterschiede verstehen und künstlerisch darstellen zu können. Es ist nicht überraschend, daß Karl Postl als Charles Sealsfield zum vielleicht besten und sensitivsten Darsteller der ethnisch-kulturellen Vielfalt der Vereinigten Staaten im 19. Jahrhundert wurde. Zugleich ist auch die Frage nach den Verständigungsmöglichkeiten zwischen "gleichsprachigen" Fremden im plurizentrischen Sprachraum zum ständigen Thema geworden. Es geht hier um die von Walter Weiss als "Sendboten aus dem Reich" bezeichneten deutschen Gestalten der österreichischen Literatur, von der Volkskomödie bis zu Hofmannsthals Baron Neuhoff, Musils Arnheim und dem Weinflaschenstöpsel-Fabrikanten aus dem Badischen in Thomas Bernhards "Auslöschung" des Jahres 1986.(22)

6. Möglichkeiten des Multikulturalismus: Österreich und Australien

Bei der Entwicklung einer spezifisch österreichischen Kultur und Literatur geht es um einen einzigartigen Modellfall der nationalen Bewußtseinsbildung im Schnittpunkt verschiedener Sprachen, Kulturen und historischer Traditionen in einer neuen globalen Situation, in der Differenzierung und Integration verschiedener Kultursysteme gleichermaßen ihren Platz finden müssen, ohne unlösbar antagonistische Konflikte herbeizuführen. Das neue Österreichbewußtsein ist eng verbunden mit einer pluralistischen, multidimensionalen Kulturauffassung, in der das Verständnis kultureller Unterschiede das Gespräch über multiple Identitäten gleichwertiger Systeme ermöglicht, die sich in komplexen, historisch-soziologisch weithin erklärbaren Sonderentwicklungen herausgebildet haben. Das Verständnis solcher Unterschiede kann im Prozeß der Ausbildung moderner Zivilgesellschaften hoffentlich zum friedlichen Zusammenleben von Staaten und Nationen beitragen. Es ist sehr wichtig, vorurteilsfreie Terminologien für die Diskussion solcher oft schwer traumatisierter Prozesse zu finden.

Mein vielleicht etwas utopisch und optimistisch anmutender Glaube an die Möglichkeit eines neuartigen internationalen Kunst- und Kulturverständnisses aufgrund der Auflösung krampfhafter Neurosen und Fundamentalismen bei der Selbstbestimmung moderner Nationen ist vielleicht auch in meinen australischen Erfahrungen begründet. Hier entwickelte sich im Laufe der letzten dreißig Jahre eine moderne pluralistische Gesellschaft, die sich heute als "multikulturell" definiert.(23) Dadurch konnte Australien die Probleme einer vielsprachigen Emigrantenbevölkerung mit den Ansprüchen der herrschenden Gruppe englischsprechender Australier verbinden, die ihrerseits im plurizentrischen angelsächsischen Sprachbereich störende Minderwertigkeitsgefühle gegenüber mächtigeren Nationen dieses Sprachgebiets überwinden mußten. Die multikulturelle Selbstidentifikation erleichterte Australien auch eine bessere und gerechtere Integration der Ureinwohner des Landes und eine neuartige ökonomisch-politische und kulturelle Positionierung im asiatisch-pazifischen Raum. Natürlich unterscheiden sich die Bedingungen des klassischen Einwandererlandes Australien sehr von den Verhältnissen des durch traditionelle Konflikte und territoriale Machtkämpfe bestimmten Mitteleuropas. Trotzdem können vielleicht Fälle gelungener kultureller und nationaler Identifikation und Selbstidentifikation komplexer moderner Industriegesellschaften zur Erkenntnis verhelfen, wie solche Prozesse an verschiedenen Orten unserer unteilbar gewordenen Welt vor sich gehen. Wichtig ist es auch, die Zeitdimensionen solcher Entwicklungen registrieren zu können - immer wieder tritt ja in Mittel- und Osteuropa die Frage auf, wie lange es dauern werde, bis eine moderne Zivilgesellschaft etabliert und ideologisch wie institutionell konsolidiert werden könne, und wie schnell der Umschlag zu einem offenen, pluralistischen Nationalbewußtsein neuer Art zu verwirklichen ist. Das Gespräch über Bedingungen und Möglichkeiten solcher Prozesse internationaler Verständigung und Kommunikation könnte sehr wohl im Mittelpunkt dieser Konferenz stehen.

Zum Autor


Der hier publizierte Beitrag erschien erstmals in: Herbert Arlt (Hg.): Kunst und internationale Verständigung. St. Ingbert: Röhrig, 1996 (=Österreichische und internationale Literaturprozesse, Bd.1). S. 14-38.

home.gif (2030 Byte)buinst.gif (1751 Byte)        Inhalt: Nr. 7

(*) Vgl. Herbert Art: Kunst in den internationalen Widerspruchsfeldern und Umbruchsphasen. In: Ders. (Hg): Kunst und internationale Verständigung. St. Ingbert 1995. S. 39-51. [Anm. d. Red.]


Anmerkungen:                                                                                            Kurzbibliographie

(1) Dieses Thema wird in vielen Artikeln von Moritz Csáky formuliert; vgl.: "Dies alles ist dein Heim. Die Pluralität in der mitteleuropäischen Region." Panonia 4/16 (1988), S.3-7.

(2) Vgl. M. Clyne, 1992. Sein Artikel "Österreichisches Deutsch als Nationalvarietät einer plurizentrischen Sprache" erscheint 1995 in Literatur und Kritik.

(3) Früh formuliert von Klaus Hartung in: Cora Stephan (Hrsg.) Wir Kollaborateure... Reinbek 1992. S.151.

(4) Rudolf Walther, Die Zeit, 12.8.1995.

(5) Vgl. besonders Elias 1988, Bd. 2.

(6) E. Renans vielzitierte Vorlesung "Qu’est-ce-qu’une Nation?" wurde 1882 an der Sorbonne gehalten.

(7) Marko Pavlyshin (ed.): Glasnost in Context. On the Recurrence of Liberalizations in Central and East European Literatures and Cultures. New York/Oxford/Munich 1990.

(8) J.C. Eade (ed.): Romantic Nationalism in Europe. Australian National University Canberra 1983.

(9) Leslie Bodi: "1784 und die Folgen ... " In: Jahrbuch II. Internationale Erich Fried Gesellschaft. (im Druck.)

(10) Jürgen Habermas: Zur Rekonstruktion des historischen Materialismus. Frankfurt 1976, S.92-126.

(11) Zur Diskussion der deutschen Selbstidentifikation vgl. Wolfgang Mommsen: Nation und Geschichte. Über die Deutschen und die deutsche Frage. München Zürich 1990; jetzt zusammenfassend: Georg Bollenbeck: Bildung und Kultur. Glanz und Elend eines deutschen Deutungsmusters. Frankfurt und Leipzig 1994.

(12) Am Schluß von: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland in jeder umfassenden Heine-Ausgabe.

(13) Über die Unterschiede der philosophischen Entwicklung in Österreich und Deutschland seit dem späten 18. Jh. vgl. vor allem Roger Bauer: Der Idealismus und seine Gegner in Österreich, Heidelberg 1966, und Michael Benedikt (Hrsg.) Verdrängter Humanismus, Verzögerte Aufklärung. Wien 1992.

(14) In deutscher Übersetzung zuerst: Michael Bachtin: Literatur und Karneval. München 1969; jetzt Frankfurt 1990.

(15) Die klassische zeitgenössische Zusammenfassung ist Joseph Richters Broschüre: Warum wird Kaiser Joseph von seinem Volke nicht geliebt? Wien 1787. Letzter Neudruck: Edith Rosenstrauch-Königsberg, Literatur der Aufklärung, 1765-1800. Wien/Köln/Graz 1990, S.69-81. Die beste Darstellung der einsetzenden Repression sind Ernst Wangermanns Bücher über die Jakobinerprozesse in Österreich.

(16) Vgl. Moritz Csáky: "Identität - in der Operette zu finden?" Zuerst in: Die Presse 16/17/4/1983.

(17) Vgl. Péter Hanák: "Österreichischer Staatspatriotismus im Zeitalter des aufsteigenden Nationalismus". In: Reinhard Urbach (Hrsg.): Wien und Europa zwischen den Revolutionen 1789-1848. Wien 1978, S.315-30.

(18) Es geht um Gedanken von Lajos Kossuth, József v. Eötvös, Oszkár Jászi, Frantisek Palacky und vieler anderer. Vgl. vor allem Robert A. Kann: Das Nationalitätenproblem in der Habsburgermonarchie ... Graz, Köln 1964, 2 Bde. In der deutsch-österreichischen Diskussion wird oft auch die Schweiz als Modell eines multiethnischen föderalistischen Staates evoziert (Stourzh, 1990, S.71-76).

(19) Z.B. Karl Renner: Der Kampf der Österreichischen Nationen um den Staat. Leipzig/Wien 1902; Otto Bauer: Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie. Wien 1907.

(20) Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Bd. 1, Kap. 98.

(21) Wichtig ist für diese Frage: Kurt Bartsch/Dietmar Goltschnigg/Gerhard Melzer (Hrsg.): Für und wider eine Österreichische Literatur. Königstein/Ts. 1982.
Vgl. auch Leslie Bodi "Österreichische Literatur - Deutsche Literatur. Zur Frage von Literatur und nationaler Identität." Akten des VI. IVG Kongresse 1980, Basel/München 1980, S. 486-492 und ders.: "Comic ambivalence as an identity marker: the Austrian model." Pavel Petr/David Roberts/Philip Thornson (eds.): Comic Relations ... Frankfurt/Bern/New York 1985, S.67-77.

(22) Walter Weiss "Zum Deutschen in der österreichischen Literatur". W. M. Bauer u.a. (Hrsg.): Tradition und Entwicklung. Festschrift für Eugen Thurnher. Innsbruck 1982, pp. 47-58 und Leslie Bodi "Österreicher in der Fremde - Fremde in Österreich ... " Akten des VIII. IVG Kongresses, Tokyo 1990, München 1991, Bd.10, S.120-125.

(23) Die beste Zusammenfassung der Problematik des "multikulturellen Australiens" bis 1988 ist von James Jupp: The Australian People. An Encyclopedia of the Nation, its Peoples and their Origin. Sydney/Auckland/London 1988. Vgl. auch Leslie Bodi "Austria-Australia. Österreichbewußtsein und australische Identität", Einleitung zum Artikel von M.Clyne, vgl. Anm.2.


Kurzbibliographie

Benedict Anderson: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines erfolgreichen Konzepts. 2.Aufl. Frankfurt 1993.

Roger Bauer: Laßt sie koaxen, die kritischen Frösch’ in Preußen und Sachsen. Zwei Jahrhunderte Literatur aus Österreich. Wien 1977.

Leslie Bodi: Tauwetter in Wien. Frankfurt 1977. (Neuausgabe Wien/Köln/Graz 1995.)

Ernst Bruckmüller: Nation Österreich. Sozialhistorische Aspekte ihrer Entwicklung. Wien/Köln/Graz; 1984.

Ernst Bruckmüller: Österreichbewußtsein im Wandel. Identität und Selbstverständnis in den 90er Jahren. Wien 1994.

Michael Clyne (Hrsg.): Pluricentric Languages. Differing Norms in Different Nations. Berlin/New York 1992.

Michael Clyne: The German Language in a Changing Europe. Cambridge 1995.

Moritz Csáky/Reinhard Hagelkrys (Hrsg.): Vaterlandsliebe und Gesamtstaatsidee im Österreich des 18. Jahrhunderts. Wien 1989.

Norbert Elias: Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Frankfurt 1988, 2 Bde., 13.Aufl.

Norbert Elias: Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert. (Hrsg. M. Schröder). Frankfurt 1989.

Karl Dietrich Erdmann: Die Spur Österreichs in der deutschen Geschichte. Drei Staaten, zwei Nationen, ein Volk? Zürich 1989. (Die zweite Rede zuerst 1985 veröffentlicht.)

Eric J. Hobsbawm: Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780. Frankfurt 1992. 2.Aufl.

Felix Kreissler: Der Österreicher und seine Nation. Ein Lernprozeß mit Hindernissen. Wien 1984.

Robert Menasse: Das Land ohne Eigenschaften. Essay zur österreichischen Identität. Wien 1993. 3.Aufl.

Rudolf Muhr (Hrsg.): Internationale Arbeiten zum österreichischen Deutsch und seinen nachbarsprachlichen Bezügen. Wien 1993.

Sven Papcke/Werner Weidenfeld (Hrsg.): Traumland Mitteleuropa? Beiträge zu einer aktuellen Kontroverse. Darmstadt 1988.

Anton Pelinka: Zur österreichischen Identität zwischen deutscher Vereinigung und Mitteleuropa. Wien 1990.

Jenö Szücs: Die drei historischen Regionen Europas. Frankfurt 1990. (Zuerst Ungarisch: 1983.)

Gerald Stourzh: Vom Reich zur Republik. Studien zum Österreichbewußtsein im 20. Jahrhundert. Wien 1990.

Erich Zöllner: Der Österreichbegriff. Formen und Wandlungen in der Geschichte. Wien 1988.

Zur allgemeinen Information sind die Leser auf die in der Bibliographie angegebenen Werke verwiesen. Die Anmerkungen sind sparsam gehalten; sie beziehen sich vor allem auf besondere Diskussionspunkte. Viele Fragen wurden in Gesprächen mit Moritz Csáky, Wendelin Schmidt-Dengler und Walter Weiss besprochen.


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