Trans Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften 14. Nr. Februar 2003

Ostdeutsche Unternehmer als Mittler zwischen westlichem Management und osteuropäischen Mentalitäten?
Zum kulturellen Aspekt eines Eigenbildes

Anke Pfeifer (Wildau, Deutschland)
[BIO]

 

Nach der Wende 1989 sahen sich die Ostdeutschen im einsetzenden Transformationsprozess mit den Anforderungen der Marktwirtschaft, mit der Propagierung westlicher Werte und Normen und deren Umsetzung im Alltags- und Berufsleben konfrontiert. In ihren Geschäftsbeziehungen nach Osteuropa begegneten ostdeutsche Manager wiederum ganz anderen Verhaltensweisen. Unter spezifisch kulturellem Aspekt wird an Beispielen erörtert, wie sich ostdeutsche Manager in einem spannungsreichen Dreiecksverhältnis positionieren.

Die Auswertung von Interviews in kleinen und mittleren Unternehmen gibt Antworten auf folgende Fragen: Wie sehen sich ostdeutsche Manager selbst und wie beschreiben sie ihre osteuropäischen Wirtschaftspartner? Welche kulturabhängigen Werte und Normen sowie Verhaltensweisen spielen dabei eine besondere Rolle? Welches Selbstverständnis entwickeln sie in Bezug auf ihre Strategien im Geschäftsleben?

 

Viele ehemalige DDR-Bürger machten sich nach den tiefgreifenden Ereignissen der Jahre 1989/90 auf den "Weg ins zweite Leben". So formulierte ein ostdeutscher Unternehmer (Interview 18) (1) in einer Aussage über sich selbst sehr treffend.

Der Zusammenprall unterschiedlicher Werte und Normen - nämlich bisher gewohnter und nun als Maßstab proklamierter - stellte an die neuen Bundesbürger hohe Anforderungen bezüglich ihre Neuorientierung. Die veränderte Situation hatte gravierende Auswirkung auf ihre Verhaltensweisen (Lebensführung, Arbeitstechniken, Beziehungsgestaltung usw.). So war die Gründung und Führung von Unternehmen unter den Bedingungen der Marktwirtschaft eine große Herausforderung.

Doch nicht die betriebswirtschaftliche Seite interessiert hier. Im folgenden wird vielmehr unter kulturellem Aspekt erörtert, wie sich ostdeutsche Unternehmer unter den neuen Bedingungen des internationalen Wettbewerbes im Osteuropageschäft positionieren. Welche Normen sind für sie im Geschäftsleben verbindlich, welche Verhaltensweisen resultieren daraus?

Im Rahmen eines Forschungsprojektes wurden ostdeutsche Unternehmer nach ihren Erfahrungen mit osteuropäischen Wirtschaftspartnern befragt. Es handelte sich um Geschäftsführer kleiner und mittlerer Unternehmen aus dem neuen Bundesland Brandenburg.

Wir wollten in erster Linie wissen, wie sie mit einem kulturell anders geprägten Gegenüber zurechtkommen. Die interpretative Auswertung der Interview-Texte gibt aber nicht nur Auskunft darüber, wie die befragten Manager ihre osteuropäischen Wirtschaftspartner beschreiben, welches Bild sie von ihnen haben - es handelte sich übrigens vor allem um Polen und Russen, aber auch um Tschechen, Ungarn, Rumänen usw. (Dieser Thematik widmet sich ein anderes Kapitel des Forschungsprojektes.)

Hier werden vielmehr erste Ergebnisse bezüglich der Beschreibung und Interpretation des Eigenbildes befragter ostdeutscher Manager vorgestellt.

 

Fremd- und Eigenbilder

Fremd- und Eigenbildern stehen in enger Wechselbeziehung. Bei der Beschreibung des Geschäftspartners - bzw. verallgemeinert des anderen - wird stets von eigenkulturell geprägten Werten und Normen ausgegangen. Der Befragte verrät wie in einem Spiegelbild immer auch etwas über sich selbst, über seine Einstellungen. Die Beurteilung des anderen erfolgt vor allem über die Wahrnehmung von Unterschieden. Häufig ist es das Fehlen von Eigenschaften oder bestimmten Verhaltensweisen, die bei ausländischen Partnern konstatiert werden. Solche Aussagen deuten darauf hin, dass der Befragte besagte Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen sich selbst bzw. seiner Kultur zumindest normativ zuordnet. Umgekehrt kann die Zuschreibung von bestimmten Eigenschaften an den anderen implizieren, dass diese Eigenschaften bei sich selbst bzw. bei Vertretern der eigenen Kultur eher nicht zu finden sind. Eigenbilder entstehen also sowohl durch direkte Aussagen zu eigenen Auffassungen und Verhalten, als auch durch indirekte Aussagen, die im Zusammenhang mit der Beschreibung und Bewertung von anderen erfolgen.

Völlig überraschend, aber sehr interessant in diesem Zusammenhang ist daher die Feststellung, dass viele der Unternehmer in den Interviews ungefragt Bezug nahmen auf westdeutsche Manager bzw. auf die Art und Weise, wie diese ihrer Vorstellung nach gegenüber Osteuropäern agieren. Diese Äußerungen komplettieren das Eigenbild der Befragten.

Üblicherweise handelt es sich bei grenzüberschreitenden bilateralen Handelsbeziehungen um die Konfrontation der eigenen kulturellen Prägung mit jener des anderskulturellen Gegenüber. Bei Ostdeutschen ist die Problematik offenbar komplizierter. Sie orientieren sich darüber hinaus an westdeutschen Managern als Vertreter der Marktwirtschaft.

Die Analyse der Interview-Texte lässt daher die Aufdeckung spezifischer Denk- und Handlungsweisen ostdeutscher Unternehmer erwarten, die in der Begegnung mit Wirtschaftspartnern Osteuropas relevant sind.

Die Antworten der befragten Unternehmer waren natürlich vielfältig und durchaus auch gegensätzlich. Trotzdem gab es übereinstimmende Aussagen, die insofern gewisse Trends darstellen und hier gebündelt zu Problemkomplexen vorgestellt werden:

Die Aussagen ostdeutscher Unternehmer zu ihrem Eigenbild lassen sich in zweifacher Hinsicht zusammenfassen und zwar:

1. im Vergleich zu deren Bild von osteuropäischen Geschäftspartnern und

2. im Vergleich zu deren Bild von westdeutschen Managern.

Hinzugefügt sei noch folgende Anmerkung: Eigen- und Fremdbilder resultieren aus einer subjektiven Sicht. Sie widerspiegeln individuelle Wahrnehmungen, die allerdings durch normative Vorstellungen und Erwartungen gesteuert werden. Diese Bilder geben daher sowohl Auskunft über Normen und Werte von Individuen als auch ihrer Herkunftskultur. Es handelt sich hier also nicht um eine objektive Beurteilung des Denkens und Handelns der Akteure. Es werden vielmehr Konstruktionen und Rekonstruktion von Wirklichkeit vorgeführt, die vor allem bestimmte Einstellungen und Überzeugungen widerspiegeln. Definiert wird also nicht der ostdeutsche Unternehmer und seine Handlungsweise oder der westdeutsche Unternehmer. Schon gar nicht soll hier ein verallgemeinertes Bild vom osteuropäischen Geschäftsmann entworfen werden. Berichte über konkrete Erfahrungen mit polnischen, russischen u.a. Unternehmern dienen lediglich als Folie für die Beschreibung des Eigenbildes Ostdeutscher.

 

Zum ostdeutschen Bild von osteuropäischen Geschäftspartnern

Welche Besonderheiten und Differenzen bezüglich der Mentalität waren für unsere Interviewpartner im Geschäft mit Osteuropäern relevant und damit im Gespräch erwähnenswert?

Diese herauszufinden war für sie mitunter nicht einfach. Für manche Gesprächspartner spielte diese Fragestellung im Geschäftsleben überhaupt keine Rolle (Interview 17 u.a.).

Einige von uns angefragte Unternehmer lehnten gar von vornherein ein Gespräch mit der Begründung ab, da gäbe es nichts Besonderes über das Geschäftsverhalten osteuropäischer Partner zu erzählen, "Die seien wie du und ich" und sie würden von keinerlei Unterschieden berichten können.

Eine Reihe von Unternehmern, mit denen wir Gespräche führten, betonten zunächst ebenfalls die Ähnlichkeit in Denken und Handeln zwischen osteuropäischen Partnern und dem eigenen Vorgehen. Sie begründeten dies mit der gemeinsamen Vergangenheit.

Gleiche oder ähnliche Erfahrungen im sozialistischen System sowie in der Planwirtschaft und während des Transformationsprozesses der letzten Jahre würden verbinden. Der Prozess des Zurechtfindens und Umlernens in einer neuen Situation wäre ähnlich. Dies mache Denkstrukturen des anderen durchschaubarer (Interview 15) und erleichtere den Zugang zueinander sowie das Verstehen und Verständnis füreinander (Interview 7).

Im Einzelnen wurden folgende Argumente vorgebracht:

Man kenne sich zum Teil aus früherer beruflicher Zusammenarbeit. Es existieren persönliche Kontakte, ja manche haben einen Ehepartner, der aus dem betreffenden Land stamme (Interview 4). Häufig seien Kenntnisse der Landessprache und der Verhältnisse vor Ort vorhanden (Interviews 1, 4, 5, 8, 9, 10, 11, 14, 23, 24, 25), zum Teil aus mehrjährigen Studienaufenthalten resultierend.

Aber auch dort, wo nach der Wende völlig neue Kontakte angebahnt wurden, erleichtere das Anknüpfen an gemeinsame Erinnerungen den Aufbau von Beziehungen und schaffe in emotionaler Hinsicht eine günstige Geschäftsatmosphäre.

Die Befragten stellten bei sich und den Geschäftspartnern aus Osteuropa Mentalitätsübereinstimmung und gleiche Wertvorstellungen fest. Diese würden in einer ähnlichen Lebensweise (Haltung dem anderen gegenüber, Wohnen, Familie, Freundschaften, Rolle des Geldes) ihren Ausdruck finden.

Sie betrachten sich und ihre Partner aus Osteuropa als gleichberechtigt und streben partnerschaftliche und kooperative Beziehungen an. Hatte die frühere Propaganda von der Freundschaft mit den sozialistischen Bruderländern in der DDR-Bevölkerung keinesfalls so gewirkt, wie beabsichtigt, kann aber doch verbreitet eine Position der Achtung, ja teilweise eine gewisse Verbundenheit festgestellt werden. Möglicherweise verbirgt sich dahinter auch ein Solidargefühl gegenüber der als dominant empfundenen westlichen Kapitalmacht.

Bei der Motivation von Mitarbeitern wird an das Gruppeninteresse appelliert, bei Meinungsverschiedenheiten "im Kollektiv entschieden" (Interview 4). Anzunehmen ist, dass Gruppenbewusstsein und Solidarität eingeübtes Verhalten aus vergangenen Arbeitsbeziehungen ist.

Unterschiede in Werten und Normen, die meist als störend für eine erfolgreiche Geschäftsabwicklung betrachtet wurden, thematisierten die Gesprächspartner häufig erst im Verlauf der Interviews.

Bei osteuropäischen Geschäftspartnern wurden vor allem bemängelt: fehlende Termin-/Liefertreue, Unzuverlässigkeit, fehlende Eigeninitiative, mangelnde Qualität, Korruption.

Hinter dieser Kritik steht als Maßstab für die Beschreibung und Beurteilung der osteuropäischen Geschäftspartner das - zweifellos ideale - Eigenbild der Befragten, das einerseits generell geprägt ist von der deutschen Kultur, aber andererseits auch Besonderheiten aus der Sozialisation in der DDR aufweist.

Dazu gehören Werte, die traditionell zum deutschen Eigenbild zu rechnen sind und gerade in Wirtschaft und Arbeitsleben nach wie vor eine herausragende Rolle spielen: Fleiß, Arbeitsamkeit, Ehrgeiz, Beständigkeit, Solidität, Produktivität(2). - aber auch Pünktlichkeit, Sauberkeit, Ordnung, Zuverlässigkeit, Genauigkeit, Schnelligkeit.

Es handelt sich hier um Konstanten innerhalb der deutschen Wertorientierung.(3) Kultur darf bei aller Tradition allerdings nicht statisch gesehen werden. Auf die unterschiedliche Werteentwicklung in West und Ost, den Wertewandel innerhalb der deutschen Gesellschaft kann hier jedoch nicht weiter eingegangen werden.

Einer der Befragten definiert das heutige deutsche Management, als dessen Vertreter er sich selbst sieht, mittels Prinzipien wie Perfektion, Organisation, Qualität, Termine, Service (Interview 18). Es handelt sich hier um Richtlinien, die für moderne Industriegesellschaften - wie auch für die gesamtdeutsche Wirtschaft - heute im Wettbewerb entscheidend und maßgeblich sind.

Angemerkt sei: Bei osteuropäischen, insbesondere kleineren Privatfirmen wird in dieser Hinsicht durchaus ein Wertewandel konstatiert hin zu Schnelligkeit und Flexibilität, Qualitätsbewusstsein, Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit (Interview 15).

 

Zum ostdeutschen Bild von westdeutschen Managern

Festgestellt werden kann also eine hochgradige Identifizierung mit den Normen im deutschen Management.

Sehr auffällig war jedoch eine deutliche Ablehnung befragter Unternehmer gegenüber bestimmten Denk- und Verhaltensweisen, die in den Gesprächen am Verhalten westdeutscher Unternehmer festgemacht wurden. Dieses Verhalten ist von den Befragten bei Unternehmern aus den alten Bundesländern erlebt worden. Möglicherweise handelt es sich aber auch um Zuschreibungen und Deutungen, die die seit der Wende andauernde Polarisierung zwischen Ost- und Westdeutschen reflektieren.

Bemühungen westdeutscher Unternehmer, den Osteuropäern Anforderungen und Prämissen der Marktwirtschaft zu vermitteln, erfahren in den Interviews eine Interpretation als Missionierung (Interview 8). Belehrendes Auftreten, wie es Ostdeutsche nach der Wende auch selbst erfahren haben, wird als überheblich abgelehnt. Zur Verstärkung ihrer Aussagen präsentieren einige Befragte Metabilder, die osteuropäische Partner ihnen gegenüber von westdeutschen Geschäftspartnern entworfen hatten.

Weiterhin wird westlichen Unternehmern eine strikt zweckorientierte Beschränkung auf das Geschäft unter Überbetonung des Zeit- und Leistungsfaktors zugeschrieben. Eine Haltung, die ihrer Auffassung nach gerade für die Mentalität im osteuropäischen Raum nicht adäquat sei.(4) Die scharfe Trennung zwischen Geschäftlichem und Privatem wird als kalt und emotionslos gedeutet.

Bestätigt wird diese Ansicht durch Aussagen Brandenburger Unternehmer, die aber aus den alten Bundesländern stammen, und die ihre eigene Geschäftstätigkeit charakterisieren. Sie bezeichnen sich selbst als kurz, zackig, rigoros und knallhart (Interview 3).

Kritisch angemerkt wird von ostdeutschen Unternehmern Unkenntnis und Ignoranz westlicher Geschäftsleute bezüglich der Verhältnisse in den Ländern des ehemaligen Ostblocks (Interviews 10, 18). Als ebenso hinderlich kann eine ablehnende innere Haltung gegenüber diesem geographischen, doch ideologisch über lange Zeit hinweg belasteten Raum gewertet werden. Eine solche eigene negative Einstellung wird von einem Unternehmer mit Herkunft aus dem Altbundesgebiet ebenfalls selbst bestätigt (Interview 3).

Als nachteilig wird seitens der befragten ostdeutschen Unternehmer betrachtet, wenn die kulturspezifischen Werte und Normen des anderskulturellen Geschäftspartners nicht genügend berücksichtigt werden, keine Einfühlung angestrebt wird. Dieser Fakt ist insbesondere bei Produktion im betreffenden Land relevant.

Die befragten Unternehmer reflektieren und überprüfen also ihre eigenen Wertvorstellungen und Handlungsweisen am Maßstab eines Denkens und Handelns, das sie als typisch westlich betrachten und von dem sie sich teilweise kritisch absetzen. Die vorgenannten Verhaltensweisen sind aus ihrer Sicht einem erfolgreichen Osteuropa-Geschäft generell eher abträglich.

 

Zum Eigenbild ostdeutscher Unternehmer

Welche wesentlichen Denk- und Verhaltensweisen ostdeutscher Unternehmer in Brandenburg lassen sich nun zusammenfassen? Im eben beschriebenen Eigenbild präsentieren sie sich: leistungsorientiert, qualitätsorientiert, beziehungsorientiert. Wie weit, das hängt natürlich von der Art der Geschäftsbeziehungen ab. Bei der Beschränkung auf Lieferbeziehungen waren enge persönliche Beziehungen mitunter nicht erforderlich, aber nicht selten von großem Nutzen. Dagegen war bei Auslandsproduktion dieser Faktor stets von Wichtigkeit. Dazu gehören: Kenntnis von Land und Leuten, Anerkennung und Beachtung von Differenzen in Werten und Normen, individuelle Behandlung. Persönliche Kontaktpflege und Aufbau persönlicher Beziehungen (Interviews 7, 15) umfassen das Sich-Einlassen auf Geselligkeit, Einladungen nach Hause (Interviews 4, 12, 14), ja mitunter enge private, freundschaftliche Kontakte (Interviews 2, 14). Angestrebt werden gleichberechtigte (Interviews 8, 10) und konsensorientierte (Interviews 4, 8) Beziehungen unter Einschluss von Kompromissen. Wichtig ist ihnen respektvolles Verhalten, Sensibilität, Geduld (Interview 15), Bescheidenheit (Interview 5). Die ostdeutschen Unternehmer berücksichtigen das andere Zeitverständnis ihres Gegenüber. Sie planen einen längeren Prozess bis zum Geschäftsabschluss ein (Interview 15), nehmen sich Zeit für persönliche Kontakte (Interview 11) und gestalten Liefertermine flexibel.

Es gibt übrigens auch durchaus kritische Reflexionen des eigenen Verhaltens in Hinblick auf starke Beziehungsorientierung (Interview 18), die aus ihrer Perspektive hinderlich im Geschäftsleben sein kann.

Die befragten Unternehmer zeigen sich gruppenorientiert, insbesondere bei Produktionsleitung im Ausland. In diesem Rahmen appellieren sie an gemeinsame Interessen und nutzen ein so entstehendes Gemeinschaftsgefühl als Motivierung. Die Problemlösung wird im Team angestrebt (Interview 4). Sie halten eine Einbindung in das Territorium, die Beachtung gemeinnütziger Aspekte ihres Handelns als günstig für die Pflege ihres Unternehmertums im Ausland.

Die Auffassung Brandenburger ostdeutscher Unternehmer könnte möglicherweise folgendermaßen zusammengefasst werden: "Das Gute übernehmen und ins Neue mit rein zu nehmen, aber auch das Neue zu lernen, erfolgreich tätig zu sein, ohne dass man sich verbiegt" (Interview 18).

Welche Aussagen lassen sich nun in Bezug auf die Einordnung ihrer Kultur machen? Die genannten kulturellen Werte, Normen und Handlungsmuster können mit bereits existierenden Modellen zur Beschreibung und Systematisierung von Kulturen abgeglichen werden. Diese Modelle schlagen Kriterien für die Messung kultureller Unterschiede vor, die innerhalb von Gegensatzpaaren bzw. gegensätzlichen Orientierungen eine Verortung einzelner Kulturen ermöglicht: z.B. die Kulturdimensionen von Geert Hofstede(5) oder die Kulturstandards von Alexander Thomas(6).

Nach dem Beschreibungsmodell für Kulturen von Scheitza u.a.(7), das mittels neun kulturellen Dilemmas eine Einordnung von Kulturen erlaubt, ist die gegenwärtige deutsche Kultur - gemeint ist hier allerdings jene der alten Bundesländer - u.a. stark geprägt durch Individualität, Wettbewerb/Durchsetzungsfähigkeit, monochrone Zeitorientierung und Aufgabenorientierung, während sie bei dem Gegensatzpaar Konfliktorientierung/Harmonieorientierung eine Mittelstellung einnimmt. Bei der Beurteilung ostdeutscher Kultur, wie sie sich in den oben genannten Beispielen Brandenburger Unternehmer präsentiert, fällt die Zuordnung nicht so eindeutig aus. Sie tendieren in ihrem Denken und Handeln offenbar auch deutlich zur jeweiligen Gegenkategorie. Damit kommen sie in ihrem Verhalten den in einzelnen osteuropäischen Kulturen geltenden Werten und Normen teilweise nahe bzw. stellen sich stark auf diese ein. Das sind: Gruppenorientierung, Verantwortlichkeit/Fürsorge, polychrone Zeitorientierung, Harmonieorientierung, Beziehungsorientierung.

Die hier zusammengestellten Komponenten des Eigenbildes Brandenburger Unternehmer lassen sich also jeweils beiden Kategorien zuordnen.

 

Fazit:

Die befragten ostdeutschen Unternehmer befinden sich offenbar in einem besonders spannungsreichen Dreiecksverhältnis zwischen

- individueller Sozialisation innerhalb der deutschen Kulturtradition sowie dem sozialistischen System,

- den Anforderung der marktwirtschaftlich organisierten bundesdeutschen Gesellschaft und

- den Geschäftspartnern aus Osteuropa, die (sozio)kulturell spezifisch geprägt sind.

Ostdeutsche Manager versuchen, tradierte Werte zu bewahren, die ihnen gleichsam nützlich sind im Kontakt mit Osteuropäern. Sie übernehmen marktwirtschaftliche Werte und Normen, die notwendig für erfolgreiche Geschäftskontakte sind - wehren aber explizit eine totale Vereinnahmung durch diese Werte ab.

Hier dürfte es sich um ein generationsspezifisches Phänomen handeln, da insbesondere die Generation der 40-60jährigen befragt wurde. Die heute mittlere Generation kann Vorzüge aus gemeinsamer Vergangenheit mit neu erworbenen marktwirtschaftlichen Erkenntnissen verbinden. Gute Geschäftsbeziehungen entwickeln sich vor allem da, wo Ähnlichkeiten in den Denk- und Verhaltensweisen bestehen.

Es ist anzunehmen, dass sich für die Jüngeren ein ganz anderes Eigenbild ergibt, da andere Faktoren der Sozialisation wirken.

Da es sich bei den Befragten nach deren eigenen Aussagen um erfolgreiche Unternehmer handelt, belegen sie mit ihrem Eigenbild offenbar vorhandene interkulturelle Kompetenz..

©  Anke Pfeifer (Wildau, Deutschland)

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LITERATUR

Damski, Horst/Möller, Bärbel: Verwaltungskultur in den neuen Bundesländern: Werte und Einstellungen von Führungskräften in den Ministerialverwaltungen von Brandenburg und Sachsen. Frankfurt a.M., Berlin u.a. 1997 (Berliner Schriften zur Demokratieforschung; Bd. 4).

Fiedler, Jörg: Strategie und Kultur im Transformationsprozeß : eine empirische Analyse am Beispiel des sächsischen Maschinenbaus. München 1998 (Arbeit, Organisation und Personal im Transformationsprozeß; Bd. 5) (Hamburger Schriften zur Marketingforschung; Bd. 8).

Gensicke, Thomas: Ostdeutschland im Wandel zwischen 1989 und 1995. Objektive und subjektive Umbrüche. In: Janssen, Edzard (Hrsg.): Gesellschaften im Umbruch? Aspekte des Wertewandels in Deutschland, Japan und Osteuropa. München 1996.

Hauch-Fleck, Marie-Luise: Blauäugig kalkuliert. In: Die ZEIT Nr. 44, 24.10.1997, S. 31.

Hofstede, Geert: Lokales Denken, globales Handeln. München 1997.

Janssen, Edzard (Hrsg.): Gesellschaften im Umbruch? Aspekte des Wertewandels in Deutschland, Japan und Osteuropa. München 1996.

Ramge, Hans: Die Deutschen, der ECU und die westlichen Nachbarn: Sprachliche Stereotype und Einstellungen in deutschen Kommentaren zum Maastrichter EG-Gipfel. In: Bredella, Lothar/Herbert Christ (Hrsg.): Zugänge zum Fremden. Gießen 1993 (=Gießener Diskurse).

Roth, Juliana: Ost und West in Europa. Barrieren für die Interkulturelle Kommunikation im Integrationsprozeß. In: Sundhaussen, Holm (Hrsg.): Osteuropa zwischen Integration und Differenz: Probleme europäischer Integration und kultureller Differenzierung. Frankfurt am Main 1999.

Scheitza, Alexander: Interkulturelle Zusammenarbeit - Kulturelle Unterschiede im Arbeitsleben. Studienbrief 2-010-0502, 2. Aufl. 2002.

Sterbling, Anton: Modernisierungsprobleme und Ungleichzeitigkeiten des Denkens in Ost und West. Rothenburg/OL, 1999 (Rothenburger Beiträge - Schriftenreihe der Fachhochschule für Polizei Sachsen; Bd. 3).

Thomas, Alexander: Kultur als Orientierungssystem und Kulturstandards als Bauteile. In: IMIS-Beiträge, Osnabrück, H.10/1999, S. 91-130.


ANMERKUNGEN

(1) Im Rahmen eines Forschungsprojektes zu Stereotypen und Kulturstandards wurden 26 Interviews mit Unternehmern kleinerer und mittlerer Unternehmen im Bundesland Brandenburg geführt.

(2) Vgl. Ramge, Hans: Die Deutschen, der ECU und die westlichen Nachbarn: Sprachliche Stereotype und Einstellungen in deutschen Kommentaren zum Maastrichter EG-Gipfe. In: Bredella, Lothar/Herbert Christ (Hrsg.): Zugänge zum Fremden. Gießen 1993 (=Gießener Diskurse), S. 75 nach Emnid-Umfragen

(3) Den Ostdeutschen wird in der Forschungsliteratur ein traditionelleres Wertebewusstsein zugeschrieben als den Westdeutschen. Vgl. Gensicke, Thomas: Ostdeutschland im Wandel zwischen 1989 und 1995. Objektive und subjektive Umbrüche. In: Janssen, Edzard ... (Hrsg.): Gesellschaften im Umbruch? Aspekte des Wertewandels in Deutschland, Japan und Osteuropa. München 1996, S. 89-120.

(4) Bestätigt wird diese Auffassung z.B. in einem Beitrag über vom Ostgeschäft enttäuschte westdeutsche Unternehmer. Mit der Einstellung "'Einfach einen Auftrag geben und erwarten, daß die Ware drei Monate später auf den Hof kommt, das funktioniert nicht', beschreibt Ackermann die Kluft zwischen deutschem Wunsch und östlicher Wirklichkeit." Hauch-Fleck, Marie-Luise: Blauäugig kalkuliert. In: Die ZEIT Nr. 44, 24.10.1997, S. 31.

(5) Hofstede, Geert: Lokales Denken, globales Handeln. München 1997.

(6) Thomas, Alexander: Kultur als Orientierungssystem und Kulturstandards als Bauteile. In: IMIS-Beiträge, Osnabrück, H.10/1999, S. 91-130.

(7) Scheitza, Alexander: Interkulturelle Zusammenarbeit - Kulturelle Unterschiede im Arbeitsleben. Studienbrief 2-010-0502, 2. Aufl. 2002.


For quotation purposes - Zitierempfehlung:
Anke Pfeifer (Wildau, Deutschland): Ostdeutsche Unternehmer als Mittler zwischen westlichem Management und osteuropäischen Mentalitäten?. In: TRANS. Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften. No. 14/2002. WWW: http://www.inst.at/trans/14Nr/pfeifer14.htm.

TRANS     Webmeister: Peter R. Horn     last change: 12.2.2002     INST