Trans | Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften | 16. Nr. | August 2006 | |
4.3. Die inter- und transdisziplinären Verhältnisse kultureller Vermittlung |
Lilla Kocsis (Szeged)
[BIO]
Die Aufnahme von Márais Roman Die Glut in Deutschland wurde einer der wichtigsten Meilensteine der Rezeptionsgeschichte, die sich mit dem ausländischen Schicksal der ungarischen Literatur beschäftigt. Der Roman wurde 1999 vom Piper Verlag herausgegeben, in neuer Übersetzung durch Christina Virághs, und das Buch wurde die Sensation der Frankfurter Buchmesse und das erste neu herausgegebene Márai-Werk in Deutschland. Die Glut ist der bekannteste ungarische Roman auf dem deutschen Buchmarkt, und sein Verfasser gehört - nach der allgemeinen Meinung der deutschsprachigen Presse - zu den bedeutendsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Mehr Werke des Marai-Oeuvres konnten bereits vor 1999 in Deutsch gelesen werden. Die Glut wurde zuerst im Jahre 1950 herausgegeben, aber das Buch wurde zu dieser Zeit kein Bestseller. Im Vergleich zum späteren Erfolg erregte die erste Ausgabe nur kleines Aufsehen. (Nach der Bibliografie von Tibor Mészáros wurden kaum mehr als ein Dutzend Kritiken über den Roman im Jahr der Erscheinung publiziert.) In meinem Beitrag möchte ich einige Elemente dieser Die Glut-Renaissance beleuchten und die folgenden Fragen beantworten: Was veränderte sich auf dem deutschsprachigen Buchmarkt, wo ein kaum gelesenes Buch literarische Sensation und sein Verfasser die literarische Neuentdeckung des Jahrhunderts wurde. Welche parallele Kennzeichen lassen sich in der deutschen und ungarischen Kanonisation entdecken? Gibt es Ähnlichkeiten, eventuell Zusammenhänge im Verlauf der zwei Rezeptionsprozesse? Um diese Fragen beantworten zu können, lohnt es sich, die ungarische und die deutschsprachige Rezeption des Romans Die Glut zu vergleichen. In meinem Vortrag versuche ich die Interpretationen der ungarischen Márai-Monographien und die deutschsprachigen Rezensionen nach 1999 - nach dem ungarischen Schwerpunkt - parallel unter den erwähnten Aspekten zu betrachten. In den deutschen Tageszeitungen und Zeitschriften wurden mehrere hundert Artikel über Die Glut publiziert, die zum größten Teil kurze Inhaltsangaben waren. In diesem Referat beschäftige ich mich ausschließlich mit den Rezensionen und Kritiken.
Ein Element des deutschen Erfolgs ist Christina Virághs neue Übersetzung, die von den Kritikern das Attribut Meisterwerk bekam. Eine andere beeinflussende Komponente des Erfolgs ist die Tatsache, das der Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse 1999 Ungarn war, obwohl György Dalos keinen Zusammenhang zwischen dem Erfolg und dem Schwerpunkt sieht: er meint, dass die Márai-Mode der 30er, dann der 50er und der 60er Jahre ein Origo des neuen Erfolgs sein könnten. Die Frage, warum ist dieser Roman so populär, wird in den deutschsprachigen Rezensionen mehrmals gestellt, und mit mehreren Begründungen beantwortet. Die Kritiker geben selbst zu, dass diese Popularität teilweise unerwartet und schwierig erklärbar ist. Durch ihre Spekulationen nehmen sie aber an dem selbst entwickelten Rezeptionsprozess teil, die Kritiker schreiben über den Roman und gleichzeitig popularisieren sie ihn. Im begeisterten Ton sprechen die Kritiker über das Werk, und sie stellen fest: Márais Stimme scheint bekannt zu sein, sie passt zu der monarchischen Tradition. Die meisten Rezensionen haben die Absicht, die Welt des Márai-Romans mit einer Art von Nostalgie zu beobachten, und in dieser fiktiven Welt vergangene Epochen und Requisiten alter Theorien und Tugenden zu entdecken. Die Tatsache, dass die Welt des Romans nicht eindeutig kohärent ist, dass die zwei männlichen Protagonisten Symbole von zwei historischen Epochen sind, sind nach den deutschsprachigen Kritiken nicht erkennbar.
Nach meinen Erfahrungen können unter den eintönigen Laudationes nur wenige Artikel gefunden werden, die an den Tugenden der Glut zweifeln. Es gibt nur wenige, die den Roman selbst oder Márais Stil kritisieren. Die Glut wurde in der deutschsprachigen Literatur schnell und ohne Hindernisse kanonisiert. So vermuten die lobenden Schriften: wer die Schönheit des Werkes nicht kapiert, versteht nichts von Literatur. Aber die Argumente, die die Größe des Romans unterstützen sollen (zum Beispiel: wunderbare epische Sprache, mystische Handlung), könnten für alle Lektüren wahr sein. Die Glut ist ein guter Roman, aber die Argumente der Mystik und des Wunders unterstützen diese Aussage über ihre Größe nicht.
Klug benutzt der Verlag Piper den selbstentwickelnden Prozess der Kritiken, er gibt den Roman - wirtschaftlich gut ausgerechnet - nach dem italienischen Erfolg heraus. Die italienische Anerkennung erscheint in Deutschland fortzudauern: es wird in den Rezensionen mehrmals geschrieben, dass von diesem Roman in Italien mehrere hunderttausend Exemplare verkauft wurden. Trotz des Jubelns der Presse kann aber festgestellt werden, dass Die Glut auch ohne diese rationelle, gut gemeinte Spekulationen einen guten Anklang gefunden hätte. Seit 5 Jahren ist Márai in Mode, und der Verlag möchte diese Zeit möglicherweise verlängern. Bis 2004 wurden 1 Million deutschsprachige Bände der Glut verkauft, aber die leidenschaftlichen Leser können die Wechselwirkung, die zwischen der eigenen und einer fremden Literatur in ähnlicher Situation geboren werden kann, nicht ersetzen. Der wertvolle Prozess der Wechselwirkung scheint vorgeschoben zu werden. Im Vorwort Christina Virághs steht, dass Márai am Treffpunkt der deutschen und ungarischen Literatur geboren wurde. Es ist leicht, die Wirkung der deutschen Literatur in der ungarischen zu sehen, aber es ist fraglich, ob die Márai Romane eine solche Rolle in der deutschen Literatur spielen.
István Fried stellt fest, dass die ungarische Kanonisation des Márai-Oeuvres reich an Paradoxonen ist. Diese Kanonisation besteht aus mehreren Kapiteln, und in der Kanonisationsgeschichte ist sowohl Anerkennung und Erfolg als auch Ignoranz zu finden. Vor dem zweiten Weltkrieg war Márai ein anerkannter Schriftsteller von Dramen und Romanen. Der Anerkennung folgte das Schweigen der Kritik. Da Márais Werke in den früheren Jahrzehnten nicht gelesen werden durften, wurde Márai ein Symbol des politischen Widerstandes und des Bürgertums. Da Márai kein Kapitel, keinen Absatz in der offiziellen Literaturgeschichte bekam, war sein Lebenswerk dem ungarischen Publikum nicht bekannt, und seine Werke waren nicht erreichbar. Die ungarische Neuentdeckung begann 1990 mit der Neuerscheinung der Glut. Dieser Roman hatte die Aufgabe, eine Márai-Renaissance ins Leben zu rufen - sowohl in Deutschland als auch in Ungarn beginnt die Neuentdeckung der Glut. Vor dem ausländischen Triumph war Die Glut aber doch nicht so populär wie heute. Nach der ungarischen Rezeption gehörte Die Glut nicht zu den besten Márai-Romanen, und unter den Kritikern gehört er heute auch nicht zu ihnen. Deshalb ist es merkwürdig, dass er heute sowohl in Ungarn als auch in anderen Ländern der beliebteste Márai Band wird. Seinen Erfolg erreichten die anderen Werke nicht. 1990 nennt László Rónay in seiner Márai Monografie Die Glut einen schlechten literarischen Versuch, besonders im Vergleich zum Roman Die Nacht vor der Scheidung. Er sieht in der Raum- und Zeitlosigkeit der Glut beziehungsweise in ihrer Funktionslosigkeit das Merkmal der epischen Verengung. Der Stil des Romans, die riesengroßen Metaphern, die unendlichen zusammengesetzten Sätze, die Gedankenparallelen und Wiederholungen machen den Roman wertvoll, aber Rónay hält das Werk doch für ungeschickt.
Andere ungarischen Márai- Spezialisten suchen den Höhepunkt des Oeuvres auch nicht in der Glut. Sindbad geht heim, Geist im Exil, EinHerr aus Venedig (in neuer Übersetzung Die Gräfin vor Parma) erregte größere Aufmerksamkeit und Anerkennung. Mihály Szegedy-Maszák hält die Publizistiken und Novellen von Márai für die Fortsetzung des Kosztolányi Erbes. Er betrachtet die Bürger - Künstler Problematik der Glut als eine Nachfolge der Tradition der 20er und 30er Jahre. Szegedy-Maszák betont die Wirkung von Nietzsche und Thomas Mann, und dadurch finden die Márai Werke einen Platz im literarischen Kanon der Moderne.
Die Tugenden des Romans akzentuiert István Fried. Er betrachtet den Roman im Zusammenhang mit den Monarchie-Texten, und vergisst das Klischee, das von den deutschen Rezensenten gerne betont wird, und das in dem Text alleine die Erscheinung der Monarchie-Nostalgie sieht. Stattdessen hebt er die Couleur locale des Romans hervor, deren Beschreibung die gestrige Welt, die Jahrhundertswende herbeiruft, vermutet aber ein Lebensgefühl wie im Werk Der Untergang des Abendlandes. Fried destruiert die Illusion des oberflächlichen Lesens, nach der der Roman die Essenz einer goldenen Zeit ist, und behauptet, dass Márai durch die Verbreitung der Ort- und Zeitverhältnisse die Lokalität der Handlung vernichtet. Durch diese Ort- und Zeitlosigkeit wird der Roman kein genauer Monarchie-Roman, sondern eher der Text einer ewigen Zeitwende.
Die deutsche Kanonisation des Romans Die Glut besteht auch aus mehreren Kapiteln. Das Werk erschien 1950 mit dem Titel Die Kerzen brennen ab - in der Übersetzung von Eugen Görcz. Auch heute ist diese Ausgabe in Antiquariaten erhältlich. Tibor Simányi, einer von den Márai Übersetzer, erzählte, dass er vor 1999 einigen Verlagen und Zeitschriften Texte von Márai und über Márai empfahl, die sich aber dafür - bis auf Die Presse - nicht interessierten. Diese Gleichgültigkeit änderte sich 1999, nachdem der Roman in der neuen Übersetzung erschien. Das Werk bekam einen neuen deutschen Titel, und der Name des Verfassers steht über dem Titel diesmal ungarisch. Statt Alexander ist jetzt Sándor zu lesen. Der neue Titel der zweiten deutschen Übersetzung ruft etwas aus dem Ungarischen hervor, in der Glut wird das Licht hier auch akzentuiert, verließ aber die Fähigkeit, die Vergänglichkeit auszudrücken. Der neue Titel gibt dem Roman eine neue Interpretation, gibt das Gefühl der Leidenschaft und die Intensität wieder. Der neue Titel - wie der Ungarische - weist auf eine bestimmte Textstelle hin. Der Titel Die Kerzen brennen ab erzeugte ein intertextuelles Spiel im Márai-Oeuvre, das mit dem neuen Titel in Vergessenheit geriet. Die Glut richtet die Aufmerksamkeit des Lesers auf eine Textstelle, die im ungarischen nicht betont wird. In der deutschen Übersetzung kommt das Wort die Glut nach dem Titel nur einmal vor: "Mit einer langsamen Bewegung wirft er (Henrik) das schmale Buch in die Glut" - steht auf Seite 210. Das schmale Buch ist das Tagebuch von Krisztina, das in dieser Szene theatralisch vernichtet wird, obwohl es alle scheinbar wichtigen Fragen des Romans beantworten könnte. Die oft erwähnte Monolog-Dialog-Problematik soll durch die Vernichtung des schmalen Buches nicht nur zwischen Henrik und Konrad gesucht werden. Die Hälfte des Dialogs ist nämlich in einem nicht gelesenen und lesbaren Buch - im Roman sind nur die Fragen zu lesen, die in der Gegenwart der Handlung gestellt sind. Der Dialog zwischen Krisztina und Konrad beziehungsweise Henrik und zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit ist also nicht einfach karg, sondern unmöglich. Da das Wort die Glut im Titel erscheint, wird die Intertextualität einerseits vernichtet und anderseits neu konstruiert. Der neue Titel ersetzt die für die deutschen Leser unbekannten Texte mit einem anderen, der nicht erkennbar ist, und mit dem Ersetzen wird der Roman neu akzentuiert.
Die Sprache des Romans ist eine Überraschung für das deutsche Publikum. Die monologisierende, getragene und zauberhafte Sprache erregt Aufsehen, und erinnert - nach den deutschsprachigen Artikeln -an die Werke von Joseph Roth. Die Übersetzung gibt das Milieu und die Denkweise des ungarischen Textes mit erstklassiger Empfindsamkeit wider. Christina Virágh spielt brillant mit der Mehrdeutigkeit des originalen Textes. Ihre sprachliche Problemlösung ist bewundernswert, das erfinderische Übersetzen schafft das sprachliche Wunder des Textes neu und macht ihn für die ausländischen Leser erreichbar. Neben der puren Handlung kann im Deutschen auch die Moralität und die Philosophie des Romans begreifbar werden. Mit ihrem deutschsprachigen Text interpretiert Christina Virágh das Werk, und ihre Aufgabe löst die Übersetzerin immer mit der größten Zuwendung.
Die Sprache ist ein Mittel der Melancholie, die in den Rezensionen als die schönste Tugend und gleichzeitig die schwache Stelle des Romans betrachtet wird. Kerstin Hensel, die Kritikerin der Berliner Post schrieb folgendermaßen über die Sprache: "Auch die häufigen Vergleiche, die manche poetisch nennen wollen, finde ich nur kitschig und verblasen." Sie hält den Ton des Erzählers "blass uns alles aussprechend". Diese Erklärung ist bemerkenswert, weil Huba Lőinczy die Erzählungstechnik, mit der Márai in den Texten auf den Ton des subjektiven Erzählers verzichtet, für eine romanpoetische Neuigkeit hält. Er meint, dass Márai eine neue Romanform schuf, die die Anwesenheit des Narrators minimalisiert, und so ist die Handlung auf die Meditation der Helden und auf die Konfrontation ihrer Meinungen gebaut. Der blasse und schwache Ton ist in der Interpretation von István Fried ein Mittel, das das Verstecken der Ironie in der Narration ermöglicht und parallel die Raumzeit der Epik allegorisch macht.
Oft erwähnen die Rezensionen einen vermutlichen Zusammenhang zwischen der Glut und den Werken von Thomas Mann - genauer gesagt zwischen in beiden Oeuvres dargestellten Konflikten. Was für das ungarische Publikum die Wirkung von Kosztolányi ist, ist für die deutschen Leser die Wirkung von Thomas Mann. Konrad und Henrik, der Soldat und der Künstler und ihre Konflikte werden als manische interpretiert, und dieser Kontext macht die Welt des Romans für die deutschen Leser unheimlich. Konrad, der Musiker und Henrik, der Soldat sind fremde Seelen, die eine verhängnisvolle Freundschaft schließen. "Der Künstlertypus büßt für seine Unfähigkeit, sich mit der Realität zu messen und die Verantwortung für einen anderen Menschen zu übernehmen, während der betrogene Henrik für seine blinde Eitelkeit und mangelnde Sensibilität büssen muss", schreibt Dante Andrea Franzetti im Standard (1999.10.2/3). Die Helden stammen aus zwei verschiedenen Welten. Konrad lebt ein modernes Leben, er ist ein modernes Individuum, während Henrik ein Überbleibsel der alten Welt ist. Er versucht, die Werte der Monarchie in die Moderne hinüber zu retten.
Die Modernität des Márai-Oeuvres und besonders der Glut ist eine Frage, die die meisten Artikel beantworten möchten. In der deutschsprachigen Presse weist das Attribut modern auf keine literaturgeschichtliche Feststellung oder stilistische Merkmale hin. Unter Modernität versteht man hier, wie fern ein Text die gegenwärtigen Leser anreden kann, wie aktuell seine Problemstellungen sind, ob seine Charaktere verstehbar sind. Nach solchen Kriterien werden die Texte modern - also gegenwärtig - oder alt - also altmodisch - genannt. Die Kritiker vertreten die Meinung, dass Die Glut vielleicht kein moderner Roman ist, aber er habe moderne Charakterzüge - zum Beispiel die Frauenfiguren. Dante Andrea Franzetti schreibt folgendermaßen über die Modernität des Werkes: "Die Glut ist so ein nicht nur nostalgisches, sondern auch überraschend zeitgenössisches Buch, das ohne alle Verkrampftheit den Bogen über ein ganzes Jahrhundert spannt." Nach Werner Fuld (Die Welt, 1999.10.16) hat der Roman nichts Modernes oder Gegenwärtiges. Im Neuen Westfälischen Tageblatt (2000.01.22) stand: "Wäre Die Glut ein moderner, ein heutiger Roman, dann hätte der Autor eine Konfliktsituation geschaffen, aus der heraus ein Ausweg möglich gewesen wäre... Verschiedene moderne Lösungen wären denkbar. Nicht so Sándor Márai". Diese Ausweglosigkeit und Unlösbarkeit, die langsame Handlung im Roman finden die meisten Rezensenten außerordentlich, und sie bewundern, dass der Text wegen der schläfrigen Handlung nicht langweilig wird.
Ohne Zweifel hat die ungarische und die deutsche Rezeption gemeinsame Eigenschaften: beide versuchen die Romane von Márai zu einer Monarchie-Tradition (Robert Musil, Artur Schnitzler und Joseph Roth) zu rechnen und beide wählen eine nostalgische Art der Interpretation. Als ob diese Texte eine vergangene Zeit anrufen würden, eine Zeit, die nur die Sehnsucht hervorrufen kann, die nur als idyllisch und schön gesehen werden könnte. Die schicksalhafte Freundschaft der Glut wird idealisiert, und bekommt derartige Eigenschaften, die heute nicht mehr erreichbar sind. Judit Kuckart schreibt: "Mit jedem Satz der alten Freunde überprüfen sich noch einmal alte Tugenden, von denen wir heute wenig mehr wissen als die Rechtsschreibung. Freundschaft, Ehre, Loyalität, Stil, Haltung, Verantwortung zu der ein innerer menschlicher Rang verpflichtet. Welch eine zerschlissene Epoche?"(Märkische Allgemeine, 1999.12.23.) Kerstin Kodorowsky-Schwob meint sogar, dass nicht nur die Romanfiguren, sondern auch der Schriftsteller selbst "starke Symbolfigur des Habsburgischen Mythos" ist (Südostdeutsche Vierteljahresblätter, 2000/2). Als ob die Kritik den enttäuschten Ton und die gewagte Darstellung der Desillusion nicht wahrnehmen würde. Karl-Markus Gauss (Neue Zürcher Zeitung, 2001.04.07.) widerspricht dieser monarchistischen Erklärung: die Kritiker stellen sich Márai in einem imaginären und melancholischen Mitteleuropa vor. Dieses Mitteleuropa hat aber mit der Geschichte und Literaturgeschichte wenig zu tun. Als ob diese eindeutig interpretierte Nostalgie die k.u.k. Problematik vergessen lassen würde. Als ob die Kritiker nicht sehen würden, dass diese für ideal gehaltene, aber im Werk nicht dargestellte Welt ihre letzte Tage verbringt. Andreas Breitenstein gehört zu der kleinen Gruppe, die den Text unabhängig von der nachgetragenen Nostalgie interpretieren, und er ist bereit zu sehen, dass die wichtigste Emotion des Romans nicht die Nostalgie ist: "Das Habsburgreich kommt mythisch als eine große Familie daher. Der Zerfall des Imperiums wird nicht analysiert, sondern als persönliches Verhängnis konstatiert." (Neue Zürcher Zeitung, 2000.01.27.)
Die Erklärung der Glut, die einfach auf das Nostalgie-Gefühl zielt, kann nicht wertvoll sein. Eine solche Erklärung zeigt den Roman voll von Kitsch und Klischees. Das Verurteilen dieser Interpretation ist bei Kerstin Hensel zu lesen: "Ich habe die Glut gelesen, und stehe wie so oft, wenn ich den Pressespiegel vorgehalten bekomme, vor einem Rätsel. Kaum etwas, was die hochlobende Kritik dem Leser offeriert, trifft auf mein Leseverständnis zu. Die Glut als Roman war für mich eine Enttäuschung."(Berliner Post, 2000.09.08.) Dieser Satz ist nicht überraschend, wenn wir beachten, dass die erwähnte hochlobende Kritik nur die sentimentale und nostalgische Interpretation akzentuiert.
In dem Welterfolg des Romans hat das neue Nostalgiebedürfnis eine einflussreiche Rolle, und dieses Bedürfnis will die Welt auf den Blättern der Glut finden, die für idyllisch und für die alte goldene Zeit gehalten werden kann. Die Protagonisten des Romans sind aber nicht mehr die Schulkameraden einer glücklichen Friedenzeit, die in einer anderen Epoche keine Möglichkeit gehabt hätten und einander treffen. Konrad und Henrik erinnern sich an diese Zeit, sie rekonstruieren eine vergangene Epoche mit Hilfe ihrer Erinnerungen, und wir sehen diese Zeit auch nur durch ihre Imaginationen. Die alten Bilder sind aber mit ihrem mythischen Umgang aufgearbeitet und mit Hilfe der Reflexionen der zwei Alten zu lesen. Die Ursache, warum das Buch ein Meisterwerk genannt werden kann, ist die unbemerkte Reflexion. Und die unbemerkte Reflexion schafft die Illusion, die dem Leser den falschen Interpretationsweg anbietet. Das Werk bildet die Freude der Träume und vernichtet die Träume. Es ist besser einen Mythos zu lesen, als ihn zu erleben. Das vergessen die Kritiker, die eine Sehnsucht für die Welt der Márai- Romanen fühlen. Sie sehen nicht den Charakterzug des Werkes, dessen Geschichte überall in der Welt spielen kann, denn die Handlung ist nicht raum- oder zeitspezifisch. István Fried hebt hervor, dass die Zeitangaben des Romans irreführend sind. Weder die Mitteilung über die Louisen noch über Johann Strauß sind glaubhaft. Der Roman spielt also in Raum und Zeit unter unsicheren Koordinaten. Deshalb ist die nostalgische Interpretation nicht einfach ahistorisch, sondern auch paradox. Die nostalgische Interpretation, die in der deutschsprachigen Presse akzeptiert wurde, rechnet nicht mit der genauen Analyse des Werkes, und kann oder will die grausame Aufrichtigkeit des Verfassers nicht sehen. Diese Interpretation nimmt nicht wahr, dass das Schicksal der Charaktere den Untergang einer Epoche repräsentiert. László Füzi erklärt den Automatismus der Márai Werke mit dem Rückblick auf die Vergangenheit, der ohne Zweifel charakteristisch für die Romane ist. Der Rückblick hat aber spenglerischen Sinn.
Die deutschsprachigen Rezensionen haben einen großen Mangel: sie heben nur die Wirkung der Thomas Mann-Werke hervor, und schreiben nicht über den Zusammenhang der Werke von Márai, Nietzsche oder Spengler. So leisten die Kritiken eine einfache und eindeutige Interpretation, die von den Lesern schnell akzeptiert werden kann. Niemand erwartet von den Tageblättern, die sich mit der Literatur nicht beschäftigen oder nur die obligatorischen Rezensionen publizieren, dass sie tiefe Erklärungen veröffentlichen. So tragen aber die deutschsprachigen, meist oberflächlichen Rezensionen zu dem literarischen Erfolg nicht bei. Es gib mehrere hundert Artikel, die die Glut würdigen, den Verfasser oder die Übersetzung loben. Aber die Kritiker, die die Schwäche des Romans hervorheben möchten, beleuchten paradoxerweise den Sinn des Werkes viel intensiver. Ihre Kritik spricht lieber gegen eine Art der Interpretation, die den Roman als eine Lektüre betrachtet, als gegen das Werk oder seinen Verfasser.
© Lilla Kocsis (Szeged)
LITERATURLISTE
Márai, Sándor: A gyertyák csonkig égnek. Budapest: Helikon, 2000
Márai, Sándor: Die Glut. (Übersetzt von Cristina Virágh) München: Piper,1999
Breitenstein, Andreas: Die Grenze des Verrats. Sándor Márai und sein Erfolgsroman "Die Glut", in: Neue Zürcher Zeitung, 27.01.2000
Dalos, György: Frankfurt után öt évvel. in: Élet és Irodalom 40/2004
Franzetti, Dante Andrea: "Die Glut" - ein kleines Jahrhundertwerk, in: Der Standard, 2/3. 10.1999
Fried, István: A siker valóban félreértés? In: Miért olvassák a németek a magyarokat? befogadás és műfordítás. Szeged: Grimm, 2004
Fried, István: Ne az író történjen meg, hanem a műve. Budapest: Argumentum, 2002. S. 40-51.
Fuld, Werner: Höllensturz in die großen Gefühle, in: Die Welt, 16.10.1999
Füzi, László: A Semmi közelében. József Attila, Németh László és Márai Sándor gondolkodói alkatáról. Bratislava: Kalligramm, 2003
Gauss, Karl-Markus: Ein Bürger im Exil. Die lange Abwesenheit des Sándor Márai, in: Neue Zürcher Zeitung, 07.04.2001
Hensel, Kerstin: Nachts traten Rehe aus dem Wald, in: Berliner Post, 08.09.2000
Kodorovsky-Schwob, Kerstin: Sándor Márai: Die Glut. Bücherschau, in: Südostdeutsche Vierteljahresblätter, 2000/2
Kuckart, Judith: Freundschaft, Ehre, Stil, in: Märkische Allgemeine, 23.12.1999
Lőrinczy, Huba: "...személyiségnek lenni a legtöbb..." Márai-tanulmányok. Szombathely: Savaria University Press, 1993
n.n. Zwei Fragen an die Sehnsucht, in: Neue Westfälische, 22.01.2000
Rónay, László: Márai Sándor. Budapest: Magvető, 1990
Simányi, Tibor: Márai Sándor művei német nyelvterületen. In: Este nyolckor születtem... Hommage à Márai Sándor. Szombathely, 2002
Szegedy-Maszák, Mihály: Márai Sándor, Budapest: Akadémiai, 1991
4.3. Die inter- und transdisziplinären Verhältnisse kultureller Vermittlung
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