Trans | Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften | 16. Nr. | Januar 2006 | |
6.7. Heilige vs. Unheilige Schrift
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Martin A. Hainz (Universität Wien)
[BIO]
Die Ausgangslage frappiert: Der Glaube scheint stets zu drängen, seinen Inhalt zu formulieren, in der Verkündigung der Frohbotschaft, als die jeder Glaube zumindest sich erscheint und insbesondere die judeo-christliche Religionstradition sich definiert.(1)
Verkündigung aber ist essentiell Versprachlichung und Verschriftlichung - und dieser Prozeß ist hochproblematisch, macht er doch zugleich den Gegenstand des Glaubens gleichsam verhandelbar, weshalb die Schrift unheilig erscheinen mag. Andererseits ist das Wort dem Glauben schließlich noch vor der Verkündigung das, worin er sich erschließt - die Gläubigen "werden in neuen Sprachen reden", in fremden, sich gleichsam ereignenden Sprachen: " (Mk 16,17)(2) . Glaube kann sich also back to the roots bewegen - oder aber, weil diese Rückwärtsbewegung keine "mehr auf Christus zu"(3) sein kann, einem "Messianische(n) ohne Messianismus"(4), sich anvertrauen.
Was aber macht dabei Schrift zu einer heiligen Schrift? Ist es, da eine ebensolche - sei es auf Gebotstafeln, sei es in Gestalt eines Kodex oder einer Bibel - ja Anstoß des Glaubens sein kann, die Schrift in ihrer Materialität, also die Resistenz des heiligen Textes gegen jene Verhandlung, die dann wie gesagt unheilige Ausprägung von Schrift und Sprache ist? Oder ist das ein Fundamentalismus, der sich um die dem Glaubenden vielleicht doch prinzipiell aufgegebene Interpretation sozusagen drückt? Dann wäre die Verhandlung und ihr von der Sprache eröffneter Raum das, was heilt - und die Sprache heiligt.
Mein und unser Panel bewegt sich also von Beitrag zu Beitrag in mehrerlei Richtungen. Sprache ist Medium und Verrat des Heiligen, das Ressentiment (der Kulturmensch fällt, wenn er stürzt, nicht auf den Allerwertesten, sondern "auf die Religion"(5), wie Tucholsky bemerkt) einerseits, andererseits das Achten des Gegenübers. Dabei ergibt sich zwischen den Beiträgen eine Spannung, die auch in den intensiven Arbeitsgesprächen gespiegelt wurde; zumindest diese waren dabei implizit ein klares Votum für die in der produktiven Auseinandersetzung (und durch diese) geheiligte Schrift - René Girard weist ja nachdrücklich darauf hin, daß nur der "mimetische Furor [...] einmütig"(6) ist, während "(n)ach jedem Auftritt Jesu [...] die Zeugen miteinander in Streit (geraten); Jesu Botschaft eint die Menschen keineswegs, sondern ruft Uneinigkeit und Spaltung hervor"(7) - eben Antworten, deren Einigkeit jedenfalls nicht von Beginn an feststeht.
Die Positionen waren dabei interessanterweise oftmals dialektisch geprägt; gerade der wunderbare Vortrag Daniel Zamans und sein zunächst säkular erscheinender Zugang über sein Kunstwerk erschließt mystische Dimensionen, die zu behaupten Adolf Holl, wo er dies abseits des Vortrags unmittelbar versuchte, nicht gelang. Dennoch (und in einem gewissen Sinne gerade darum) gilt, daß diese tatsächlich unabhängig von ihrer Formulierung sein müssen - und dieser uneinholbar voraus; daß letztlich das "Evangelium [...] niemand anderer als Christus selbst"(8) sein kann und darf:
"(D)ie letzte und endgültige Stufe der Offenbarung Gottes [...] verwirklicht sich in seinem Fleisch gewordenen Sohn, in Jesus Christus, dem Mittler und der Fülle der Offenbarung. Er [...] ist das vollkommene und endgültige Wort des Vaters. Mit der Sendung des Sohnes und der Gabe des Geistes ist die Offenbarung [...] gänzlich abgeschlossen"(9).
Dieses Ultimum aber wird doch wieder in der Offenbarung des Evangeliums stringent formuliert, nur durch sie wird unwiderruflich die "Torheit des Kreuzes [...] Inbegriff der Gottesweisheit"(10), in den poetisch-transzendenten "Sprachekstasen", worin "die Sprache [...] sich selbst" "sagt"(11) . Sehr erhellend waren die Heiligkeit und Frömmigkeit über das Gestische und Ästhetische erschließenden Überlegungen des angehenden Klerikers Frater Samuel Rindt, konzentrierter Ausdruck des Problems die Texte von Ferdinand Schmatz. Der Zusammenhang zwischen Transsubstantiation und Translation, die Heiligkeit der Wandlung an sich wurde hier insgesamt doch nahegelegt.
In der Folge ist in der heiligen (oder Heiligen) Schrift der Versuch, die Spannung zwischen der Schrift als resistenter Form und Interpretandum zu artikulieren, aufgegeben. Das schwingt mit, wenn Benedikt XVI. betont, es sei "die Bibel nur in ihrer Ganzheit als Wort Gottes zu sehen"(12), also in der Resistenz der Wörtlichkeit wie der hegelianisch aufzuhebenden Widersprüchlichkeit ihrer Aussage.
In Summe enthält das Panel eine Vielzahl von Anstößen, die durch die Spannung innerhalb des Versammelten nicht suspendiert und nicht einmal relativiert werden, sondern in diesem Moment mit dem Wahren verbunden sein könnten, das vom Heiligen in und trotz der Schrift zu artikulieren war. Eine Fortsetzung der Überlegungen bei weiteren Treffen mit diesen und hoffentlich weiteren Teilnehmern - besonders ein Vertreter des Islam wäre willkommen! - erscheint wichtig, entsprechende Rückmeldungen und Vorschläge gerade auch von Lesern können und sollen hier eine wichtige Vorarbeit darstellen.
© Martin A. Hainz (Universität Wien)
ANMERKUNGEN
(1) Cf. etwa Hans Urs von Balthasar: Der Mensch und das Ewige Leben. In: Credo. Ein theologisches Lesebuch, hrsg. v. Joseph Ratzinger u. Peter Henrici, Köln: Communio 1992, S.359-378, S.366.
(2) Textgrundlage zu Bibelzitaten: Die Bibel. Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. Gesamtausgabe. Psalmen und Neues Testament. Ökumenischer Text, übers. v. Heinrich Arenhoevel et al., hrsg. v. Joseph Höffner et al. Stuttgart, Klosterneuburg: Katholische Bibelanstalt, Deutsche Bibelstiftung, Österreichisches Katholisches Bibelwerk 1980, Novum Testamentum Graece, hrsg. v. Kurt Aland et al. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft 272001.
(3) Benedikt XVI. Joseph Ratzinger: Im Anfang schuf Gott. Vier Münchener Fastenpredigten über Schöpfung und Fall. München: Erich Wewel Verlag 1986, S.21.
(4) Jacques Derrida: Marx & Sons, übers. v. Jürgen Schröder. Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag 2004 (=suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1660), S.88.
(5) Kurt Tucholsky: Schnipsel, hrsg. v. Mary Gerold-Tucholsky u. Fritz J. Raddatz. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1973 (=rororo 1669), S.130.
(6) René Girard: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Eine kritische Apologie des Christentums, übers. v. Elisabeth Mainberger-Ruh. München, Wien: Carl Hanser Verlag 2002, S.233.
(7) A.a.O., S.192.
(8) Hans Urs von Balthasar: Theologik. Bd. III: Der Geist der Wahrheit. Einsiedeln: Johannes Verlag 1987, S.296.
(9) Benedikt XVI. Joseph Ratzinger et al.: Katechismus der Katholischen Kirche. Kompendium, hrsg. v. Benedikt XVI. Joseph Ratzinger. Città del Vaticano, München: Libreria Editrice Vaticana, Pattloch 2005, S.27.
(10) Eugen Biser: Paulus. Zeugnis · Begegnung · Wirkung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2003, S.204.
(11) A.a.O., S.194.
(12) Benedikt XVI. Joseph Ratzinger: Gott und die Welt. Glauben und Leben in unserer Zeit. Ein Gespräch mit Peter Seewald. München: Knaur Taschenbuch Verlag 2005, S.165; cf. auch Henri de Lubac: Geist aus der Geschichte. Das Schriftverständnis des Origenes, übers. v. Hans Urs von Balthasar. Einsiedeln: Johannes Verlag 1968, S.369 u. passim.
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